Alfred Spuhler
Deckname "Peter"
Alfred Hans Peter Spuhler, geboren am 13. Dezember 1940 in München.
Seit 1958 Soldat der Bundeswehr (Bw), von 1968 bis 1989 Mitarbeiter der Bundesnachrichtendienstes (BND), zuletzt im Dienstrang eines Hauptmanns. Von 1972 bis 1988 war er als Kundschafter für die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR tätig und wurde dort zuletzt als hauptamtlicher Mitarbeiter und Oberstleutnant der Nationalen Volksarmee geführt. Sein Deckname war "Peter".
Durch Verrat von Überläufern - u.a. zweier hochrangiger Mitarbeiter aus der HVA - wurde Alfred Spuhler enttarnt. Vom 29.11.1989 bis 16.12.1994 befand er sich deshalb in Untersuchungs- und Strafhaft. Am Ende eines spektakulären Prozesses, der sich über fünf Monate (= 43 Verhandlungstage) erstreckte, wurde er vom Bayrischen Obersten Landesgericht in München als Hauptangeklagter am 5. 11. 1991 wegen Landesverrat im besonders schweren Fall zu einer Freiheitsstrafe von 10 Jahren verurteilt. Außerdem muß er die Verfahrenskosten von 134 000 DM tragen und eine Verfallstrafe von 60 000 DM zahlen.
Mitangeklagt waren noch:
Die Freiheitsstrafen für Harry Schütt und Günter Böttger wurden zur Bewährung ausgesetzt. Alfred und Ludwig Spuhler kamen nach der Verbüßung der Hälfte der jeweiligen Strafe frei, die Reststrafen wurden ebenfalls zur Bewährung ausgesetzt.
Alfred verstand sich niemals als krimineller Straftäter sondern als politischer Gefangener und steht zu der Handlungsweise, die zu seiner Verurteilung führte.
Welche Beweggründe ihn veranlaßten, zum Kundschafter und Revolutionär zu werden, das geht aus seiner Erklärung hervor, die zu Beginn der Hauptverhandlung dem 3. Strafsenat des Bayrischen Obersten Landesgericht vortrug.
Gleichsam war diese Erklärung, wie sie nachfolgend in vollem Wortlaut wiedergegeben wird, an seine nächsten Angehörigen gerichtet, die von seinen Aktivitäten als Kundschafter keine Kenntnis hatten:
Mai 1991
Meine Lieben,
der Zeitpunkt ist gekommen, um mein Versprechen einzulösen, Euch über meine Beweggründe, die mich letztendlich ins Gefängnis brachten, zu informieren.
Ich möchte nicht sofort in den Sachverhalt einsteigen und zum besseren Verständnis erst einige allgemeine Gedanken zum Problem "menschlicher Verhaltensweise" darlegen. Daran anschließend, gewissermaßen als Überleitung zum Hauptthema, werde ich meine letzte truppendienstliche Tätigkeit in der Fernspäh Kp 300 beschreiben, denn in dieser Kompanie wurde mir erstmals umfassend militärisches und militärpolitisches Wissen über NATO und WP vermittelt und damit der Grundstein für mein späteres Denken und Handeln als "friedlicher Revolutionär", wie ich mich verstehe, gelegt.
1. Allgemeine Gedanken zum Problem "menschlicher Verhaltensweise".
Die Erreichung eines echten, umfassenden und weltweiten Friedens hängt weitgehend davon ab, daß viele Menschen sich ständig darum bemühen.
Unglücklicherweise scheint nur ein geringer Teil der menschlichen Rasse die Fähigkeit zu besitzen, zielstrebig dafür einzutreten.
Die Verwirklichung eines echten Friedens erfordert eine revolutionäre Änderung des menschlichen Denkens und Verhaltens und zwar so drastisch, daß die menschliche Natur ihr fast automatisch Widerstand entgegensetzt. Dieses Problem ist von dem Historiker Arnold Toynbee in folgende Worte gekleidet worden: "Wir werden mit uns selbst einen harten Kampf führen müssen, um uns selbst vor uns selbst zu retten".
Jahrhundertelang haben die Menschen in ihren Zusammenschlüssen, wie Familie, Stamm, Dorfgemeinschaft, Stadt, Staat, ihre wahren oder angenommenen Interessen mit Hilfe von Gewalt oder der Drohung damit behauptet oder verteidigt. Höhepunkte dieser primitiven Auseinandersetzung in unserem Jahrhundert waren die zwei größten Kriege der Geschichte. Danach erfolgte wiederum der Aufbau von Streitkräften, die umfangreicher und gefährlicher ausgerüstet sind als jemals zuvor in der Weltgeschichte.
Wenn man nachforscht, warum sich der Mensch so schwer tut, diese primitive Denk- und Verhaltensweise, Probleme mit Gewalt lösen zu müssen, abzulegen, stößt man auf einige entscheidende Faktoren. U.a. sind es die professionellen Militärs - ich gehörte leider auch dazu, wenngleich meine Beweggründe hierfür nicht kriegerischer Natur waren. Sie besitzen in vielen Staaten der Welt sogar genügend Einfluß, um ihre Regierungen zu zwingen, der Abrüstung Widerstand entgegenzusetzen. Der typische Berufssoldat ist nicht deshalb gegen die Abrüstung, weil er etwa weniger menschlich oder zivilisiert als der Durchschnittszivilist ist. Er tut es, weil seine Ausbildung und Umgebung ihn unwiderruflich dahin gebracht haben, annehmen zu müssen, daß sein Beruf unentbehrlich ist. Wir hören und lesen es doch fast tagtäglich.
Ein weiterer wesentlicher Faktor ist die Rüstungsindustrie, welche aus den Rüstungsverträgen riesige Gewinne erzielt und deshalb einer Abrüstung erheblichen Widerstand entgegensetzt. Dabei werden dann soziale Argumente in den Vordergrund gestellt, und es wird mit Massenarbeitslosigkeit gedroht, als ob eine Umstellung auf zivile Produktionen fast unmöglich wäre.
Selbst die Berufsdiplomaten hätten in einer friedlichen Welt kein Arbeitsfeld mehr, zumindest in bezug auf ihre Hauptaufgabe, sich mit "Machtpolitik" zu beschäftigen, d. h. im Interesse ihres Landes Allianzen zu schmieden, zu versuchen Gegenbündnisse zu unterminieren, oder mit der Anwendung von Gewalt verhüllt oder offen zu drohen oder sie herauszufordern. Dazu ein Beispiel aus jüngster Zeit: Es wurde öffentlich bekannt, daß eine amerikanische Botschafterin vor Ausbruch des Golfkrieges in geheimen Gesprächen mit Saddam Hussein diesem zu verstehen gab, Amerika würde sich im Falle einer irakisch-kuwaitischen Auseinandersetzung nicht einmischen. Das war doch für den irakischen Präsidenten geradezu eine Einladung zur Annexion Kuwaits! Die Botschafterin wurde daraufhin von ihrem Posten abberufen. Hat man sie nun wegen ihrer diplomatischen Unfähigkeit abgelöst? - Oder hatte sie nur ihren Auftrag erfüllt?
Zusätzliche und sehr ernste Faktoren sind nach wie vor die gegenseitige Furcht, das Mißtrauen und die daraus resultierenden gegenseitigen Beschuldigungen, welche die Ost-West-Atmosphäre so sehr vergifteten. Dieses Denken war in Millionen von Menschen in Ost und West so tief verwurzelt, daß es selbst heute, nach Beendigung des Kalten Krieges, noch unterschwellig vorhanden ist.
Es hat wenig Sinn, die Schuld, die doch von beiden Seiten gemeinsam getragen werden muß, anteilig verteilen zu wollen. Großmut und aufrichtiger Wille zum Frieden sind gefragt und viele Menschen, die diese Tugenden gewaltlos unterstützen, denn nur in einer friedlichen Welt wird es den Menschen möglich sein, auch zu einer gerechteren Gesellschaftsordnung zu finden.
2. Zu meiner letzten truppendienstlichen Tätigkeit in der Fernspäh Kp 300.
Bereits während meiner Ausbildung zum Fernspäher bekam ich ein umfassendes Wissen in bezug auf Stärke, Ausrüstung und Gliederung der eigenen und der gegnerischen Streitkräfte vermittelt. Besonderer Schwerpunkt war das militärische Großgerät der WP-Streitkräfte. Später übernahm ich noch zusätzlich die Aufgabe eines S2-Bearbeiters. Dieses zusätzliche Aufgabengebiet erforderte eine weiterführende intensive Ausbildung beim Stab des III. Korps sowie die Absolvierung eines entsprechenden Lehrganges bei der Schule für Nachrichtenwesen der Bw in Bad Ems. Damit erlangte ich zusätzliches Wissen über Stärke und Ausrüstung der NATO und WP-Streitkräfte sowie über wichtige militärpolitische Zusammenhänge in Ost und West.
Mit diesem bis dahin erworbenen militärischen und militärpolitischen Wissensstand und angesichts des ständig wachsenden Risikos einer Weltkatastrophe, stand ich 1968 vor der Entscheidung: Entweder meinen Dienst als Soldat nach Auslauf meiner 12jährigen Verpflichtungszeit zu kündigen und in das Zivilleben zu wechseln oder einen Antrag auf Übernahme als Berufssoldat zu stellen.
Damit war ich an einer für meinen weiteren Lebensweg entscheidenden Weggablung angelangt.
Inzwischen hatte ich eine Familie gegründet, und so wählte ich einen Weg, der auch meiner jungen Familie eine gewisse Sicherheit für die Zukunft bieten sollte. Ich entschied mich, Berufssoldat zu werden, allerdings unter der Voraussetzung, daß meine gleichzeitige Bewerbung beim BND erfolgreich verlief und mir die Möglichkeit geboten wird, die Laufbahn der Offiziere des militärfachlichen Dienstes einzuschlagen.
Erste Erkenntnisse über den BND erhielt ich als S2-Bearbeiter bei der Fernspäh Kp 300 und über meine in diesem Zusammenhang bestehenden Kontakte zum MAD, wobei ich über die Arbeitsweise des Dienstes zunächst nur nebulöse Vorstellungen hatte.
Auf meine Bewerbung erfolgte eine lange Wartezeit. Erst nach einigen Monaten wurde ich zu einem persönlichen Vorstellungsgespräch nach München gerufen. Man fand mich für würdig, Mitarbeiter des Dienstes zu werden und am 01.10.68 trat ich dann schließlich meinen Dienst beim BND in München an.
Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich bereits, ohne auch nur die geringste Ahnung davon zu haben, in der Anfangsphase, die mein künftiges Denken und Handeln beeinflußte und mich schließlich im Verlaufe des Jahres 1972 zu einem "Revolutionär für den Frieden" und eine gerechtere Gesellschaftsordnung hat werden lassen.
3. Meine Tätigkeit beim BND und mein Einstieg in die revolutionäre Phase.
Ausgestattet mit einem guten militärischem Erkenntnisstand und einer breiten Palette von Einsatzmöglichkeiten bot man mir eine Tätigkeit im Bereich der Abt II an, die meinen Ambitionen hinsichtlich planerischer, organisatorischer und steuernder Aufgaben gerecht wurde.
Die folgenden Jahre bis 1971 waren ausgefüllt mit einem ständigen Lernprozeß auf dem Gebiet der Fernmelde - und Elektronischen Aufklärung., der Ausbildung zum Offizier des militärfachlichen Dienstes und damit verbundener Schulungslehrgänge bei der Nachrichtenschule der Bw in Bad Ems und der Heeres-Offiziersschule in Hannover.
Ich stellte in diesen Jahren aber auch sehr viele eigene Überlegungen an und kam zu der ernüchternden Erkenntnis, daß die von westlicher Seite ständig geschürte Angst vor der militärischen Überlegenheit des WP eine glatte Lüge war. Genau das Gegenteil war der Fall.
Es gab vom Beginn des Rüstungswettlaufes an eine technologische Überlegenheit des westlichen Bündnisses, die sich von Jahr zu Jahr zunehmend vergrößerte. Alleine dieser ständig wachsende westliche Technologievorsprung gab der NATO die Gewähr, selbst einem in einzelnen Bereichen stärker ausgerüsteten Gegner überlegen zu sein.
Wenigstens waren sich NATO und WP ab einem bestimmten Zeitpunkt einig, hinsichtlich der atomaren Bewaffnung ein Patt erreicht zu haben, und beide Seiten erkannten, daß es bei einer atomaren Auseinandersetzung keinen Sieger und keinen Besiegten geben würde. Diese Einsicht reichte jedoch nicht aus, dem Rüstungswahnsinn, auch auf konventionellem Gebiet, ein Ende zu bereiten.
Die militärische Überlegenheit der westlichen Länder bezog sich nicht nur auf den Bereich der Technologie, denn die tatsächliche militärische Kampfkraft und Stärke wird von weiteren Faktoren bestimmt, die dem militärischen Laien weitgehendst nicht bekannt sind. Dazu gehört beispielsweise das Gebiet der militärischen Führung und Ausbildung. Die westliche Ausbildung der Unteroffiziere und Offiziere hat hinsichtlich ihrer Qualität einen unvergleichbar höheren Standard. Dies betrifft insbesondere bei den Offizieren die Führungsfähigkeiten im Bereich der taktisch und taktisch/operativen Führungsebene. Nicht anders sieht der Ost-West-Vergleich bei der Ausbildung der Unteroffiziere und Mannschaften aus.
Ein weiterer wichtiger militärischer Faktor ist die "Wehrpsychologische Lage" der Truppe, die sich aus vielen Einzelfaktoren zusammensetzt und deren Einschätzung Aussagen zur Kampfbereitschaft und somit auch insgesamt zur allgemeinen Kampfkraft der jeweiligen Truppe zulassen. Hierbei gab es unterschiedliche Bewertungen zu den Einheiten/Verbänden der einzelnen östlichen Länder. Aber auch auf diesem Gebiet war bei einem Ost-West-Vergleich der WP deutlich unterlegen. Das größte Problem hierbei hatten die sowjetischen Streitkräfte. Aufgrund des Vielvölkerstaates Sowjetunion ergaben sich Sprachprobleme bei den Mannschaften, da ein nicht unerheblicher Prozentsatz der USR-Soldaten die russische Sprache nicht beherrschten. Mündliche oder schriftliche Befehle an diese Soldaten mußten erst in die jeweilige Sprache übersetzt werden.
Hackordnungen und deren negative Auswirkungen, wie es sie bei den Soldaten der USR-Streitkräfte und in einigen anderen WP-Streitkräften gab, kennt man bei den NATO-Streitkräften nicht. Ein Ost-West-Vergleich hinsichtlich Betreuung, Verpflegung u. Unterbringung etc. der Streitkräfte dürfte sich erübrigen, nachdem viele Einzelheiten dazu inzwischen offenkundig wurden.
Ohne noch auf einen die wirtschaftliche Stärke betreffenden Ost-West-Vergleich einzugehen, stand für mich fest, daß es dem Westen nicht um die Herstellung des militärischen Gleichgewichtes ging. Vielmehr galt der Ausspruch eines amerikanischen Präsidenten: "Wir werden sie (den WP) an die Wand rüsten bis sie quietschen". Welch ein Wahnsinnsanspruch!
Diese Situation des erheblichen Ungleichgewichtes war für mich deprimierend und unerträglich. Meinen Entschluß, alles im Rahmen meiner Möglichkeiten stehende zu tun, um mitzuhelfen, die friedenserhaltende Balance herzustellen, sah ich als eine moralische Verpflichtung an. Die Hoffnung, daß es noch viele andere Menschen mit gleichen Willensbekundungen gibt, um eine Katastrophe, einen 3. Weltkrieg zu verhindern, bestärkte mich in diesen meinen Überlegungen.
Bei diesem Gedanken dachte ich auch an die schrecklichen Ereignisse während der Kriegsjahre 1943/44, die unauslöschlich in meinem Gedächtnis haften blieben. Meine Eltern hatten in diesen Jahren zweimal ihr gesamtes Hab und Gut durch Bombenangriffe auf München verloren. Diese Bilder stehen heute noch vor meinem geistigen Auge, als lägen diese Schreckensnächte erst einige Tage zurück. Ob es das brennende Haus war, vor dem meine Eltern, mein Bruder und ich standen, beladen mit dem, was noch schnell zusammengepackt werden konnte, oder eine Bombennacht. Wochen später, die wir nur mit viel Glück überlebten, oder die vielen anderen Nächte mit Sirenengeheul, Tränen, schreienden Menschen und der Ohnmacht vor diesem tödlichen Inferno, alle diese Erlebnisse kamen wieder zum Vorschein.
Sollte sich das alles in einer noch viel schrecklicheren Form wiederholen? Ist nicht jeder Mensch, ob Christ oder Atheist, moralisch verpflichtet, alles im Rahmen seiner Möglichkeiten zu unternehmen, mitzuhelfen, um solch einen Wahnsinn zu verhindern?
Amerika, der mächtigste Partner der westlichen Allianz und der eigentliche Initiator einer noch nie dagewesenen Rüstungsspirale, hatte niemals in seiner Geschichte Kriege im eigenen Lande und deren Folgen für die Zivilbevölkerung und die Infrastruktur erleben müssen, wie dies im 1. und 2. Weltkrieg in Europa und insbesondere in Deutschland und der Sowjetunion der Fall war.
Mir wurde zu diesem Zeitpunkt sehr schnell bewußt, welche Kräfte in allen westlichen Ländern ein besonderes Interesse daran haben konnten, die Angst der Bevölkerung vor einer angeblichen östlichen militärischen Überlegenheit zu schüren und den Menschen ständig eine östliche Angriffsgefahr vorzugaukeln.
Es war die Rüstungsindustrie, ausgestattet mit einer bestens funktionierenden Lobby. Die großen Firmen und Konzerne holten sich, mit lukrativen Angeboten aller Art, einflußreiche Politiker aller Parteien in ihre Aufsichtsräte. Mit diesen speziellen Lobbyisten und den entsprechenden Angstkampagnen wurden die Interessen dieses Industriezweiges in politische Notwendigkeiten umgemünzt und erforderliche Rüstungsaufträge des Staates an die Rüstungsindustrie sanktioniert und auch gleichzeitig gegenüber dem Steuerzahler gerechtfertigt. Ein schmutziges Geschäft mit der Angst der Menschen! Und Riesengewinne für einen kleinen, gierigen und rücksichtslosen Personenkreis!
So, wie sich dieser Erkenntnisstand in mir mehr und mehr festigte und schließlich zur Gewißheit reifte, vollzog sich parallel hierzu auch in meiner gesellschaftspolitischen Einstellung ein Gesinnungswandel.
4. Mein politischer Gesinnungswandel.
Die Eigendynamik der kapitalistischen Gesellschaftsordnung und die damit verbundenen und fast ungebremsten Freiheiten, besonders im wirtschaftlichen Bereich, bescherten den Menschen in den Nachkriegsjahren zunächst allgemein einen stetig wachsenden Lebensstandard. Welch große Gefahr diese Eigendynamik allerdings in sich barg, das stellte sich spätestens in den fünfziger Jahren heraus. Dem öffentlichen Druck und den Forderungen der Gewerkschaften gehorchend, wurde aus der "freien Marktwirtschaft" die "soziale Marktwirtschaft". D. h., der Staat griff dort ein, wo er wirtschaftliche und soziale Unmoral feststellte. Dies führte in den folgenden Jahrzehnten auch tatsächlich zu einer Reihe von Gesetzen und Verordnungen, die eine Hilfestellung für die Arbeitnehmerschaft bedeuteten.
Ungeachtet dieses staatlichen Eingriffes fanden jedoch die rücksichtslosesten Praktikanten dieser Marktwirtschaft immer wieder Schlupflöcher, um auf skrupellose Weise ihre Gier nach immer mehr Besitz und damit Macht zu befriedigen. Wieviel Menschen auf ihrem Wege dabei niedergewalzt und ins soziale Abseits gedrängt wurden, das störte sie nicht. Nach dem Motto: "die Besten schaffen es, und wer es nicht schafft, ist selbst schuld", wurde eine Ellbogengesellschaft geboren, die vor fast nichts zurückschreckt, wenn es darum geht, Eigenvorteile und möglichst hohe Gewinne für sich selbst zu schaufeln. Die Reichen wurden immer reicher und die Armen immer ärmer.
Die Macht in den kapitalistischen Staaten konzentrierte sich zunehmend auf die wirklich Mächtigen: die Großunternehmen, Wirtschaftskonzerne, Banken, Versicherungen, etc. Diese Wirtschaftsgiganten nahmen mehr und mehr Einfluß auf das gesamte Wirtschafts- und sozialpolitische Gefüge; sie entwickelten sich zu staatstragenden Gebilden und wuchsen schließlich zu den eigentlichen "Machern" der Politik heran. Die Rüstungsindustrie, unterstützt von einer ausgesuchten Lobby und einer "Politik der Angst", stellte sich als einer der gewinnträchtigsten Bereiche der Wirtschaft dar. Durch die Einbindung einer stetig wachsenden Anzahl von Politikern in die sehr gut bezahlten Verantworungsbereiche (Aufsichtsräte) der Wirtschaftsgiganten soll der Eindruck eines harmonischen Zusammenspiels der wirtschaftlichen und politischen Kräfte des Staates dargestellt werden. In Wirklichkeit werden diese ausgesuchten und meistens in sehr einflußreichen Ebenen tätigen Politiker zu Marionetten des Großkapitals und damit zu Werbern für die jeweiligen Wirtschaftsinteressen degradiert. So wird aus diesem scheinbar notwendigen Zusammenspiel der Kräfte ein zerstörerisches Gegeneinander von Markt, Macht und Moral, eines der wahren Spiegelbilder der kapitalistischen Gesellschaft und im Bereich der Rüstungsindustrie ein todbringendes Spiel. Meine Beurteilung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung erreichte damit einen Negativpegel, den ich nicht mehr mitverantworten wollte und konnte. Von diesem Zeitpunkt an sympathisierte ich mit sozialistischem Gedankengut und machte mich mit den Lehren von Marx und Engels vertraut. Die Frage des "Privateigentums" allgemein und insbesondere an den Produktionsmitteln war für mich kein strittiges Thema. Im Gegensatz dazu hatte ich Schwierigkeiten mit der sozialistischen Planwirtschaft und der unverkennbaren relativen Unfreiheit der Menschen in den sozialistischen Ländern. Ich suchte deshalb das persönliche Gespräch mit Kennern dieser Philosophie, um mir Klarheit darüber und über meinen ganz persönlichen politischen Standort zu verschaffen. Hierzu setzte ich mich mit Genossen einer linken Organisation in Verbindung und bat um ein persönliches und vertrauliches Gespräch mit einem kompetenten Funktionär. So einfach sich diese geschriebenen Worte lesen mögen, so schwierig gestaltete sich deren Umsetzung in der Tat. Ich hatte mit erheblichen Gewissenskonflikten zu kämpfen. Dieser Schritt, mit Vertretern der Linken Kontakt aufzunehmen, bedeutete einen ersten gravierenden Regelverstoß gegen mein Pflichtgefühl als Soldat und Angehöriger des BND. Mit meiner Frau konnte ich darüber nicht sprechen. Sie hätte dafür kein Verständnis gehabt, denn die Sicherheit der Familie ging ihr über alles und in meinem Vorhaben hätte sie sofort eine diesbezügliche Gefahr erkannt. Meinen Bruder wollte ich zunächst ebenfalls nicht mit diesem Problem belasten. Somit traf ich diesen Entschluß allein. Ich wollte unbedingt Klarheit über mich selbst erlangen, auf welcher Seite ich mit meiner Überzeugung nun wirklich stehe.
Zum ersten vertraulichen Gespräch saß ich zwei Funktionären in einem Café in München gegenüber. Aus verständlichen Gründen verhielten sich meine Gesprächspartner zunächst etwas reserviert. Die anfängliche Zurückhaltung lockerte sich jedoch sehr rasch und schon zu einem nächsten Treff, Wochen später, saß mir nur noch ein Gesprächspartner, ein Wirtschaftsfunktionär, gegenüber. Nach ca. sechs Gesprächsrunden, die wir dazu nutzten, um ausführlich über alle mich interessierenden Themen des sozialistischen Gesellschaftssystems zu diskutieren, stand für mich fest, daß meine politische und meine geographische Heimat zwei voneinander getrennte Gebiete sind. Nach alledem, was ich nun wußte, hatte ich die berechtigte Hoffnung, daß sich aus dem sozialistischen Gesellschaftssystem heraus eine gerechtere Gesellschaftsordnung entwickeln würde. Dafür, und für die Herstellung des militärischen Gleichgewichtes, wollte ich eintreten. Eine Zusammenarbeit mit dieser Organisation kam nicht in Frage, denn alle Kontakte mit Nachrichtendiensten jeglicher Art war ihren Mitgliedern untersagt. Meine erste Überlegung war, meinen Dienst als Soldat und Mitarbeiter des Nachrichtendienstes zu kündigen, eine zivile Tätigkeit aufzunehmen und dieser Organisation beizutreten. Diesen Gedanken verwarf ich jedoch wieder sehr schnell, denn als ehemaliger Angehöriger des BND hätte ich keiner linken Partei oder Organisation damit einen Gefallen getan. Außerdem konnte ich für den Frieden nur dann optimal etwas erreichen, wenn ich weiterhin möglichst effizient tätig bin. Dies wiederum erforderte meinen Verbleib beim BND. Es konnte also nur noch einen Weg geben, die Zusammenarbeit mit der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR. Ich stand vor der schwersten Entscheidung meines Lebens. Auf der einen Seite war da noch meine Verpflichtung, die ich als Soldat und BND-Angehöriger eingegangen bin und die Sorge um meine Familie; dem gegenüber stand die Möglichkeit, mithelfen zu können, den Frieden zu erhalten und gleichzeitig für eine gerechtere Gesellschaftsordnung zu kämpfen. Viele Tage schob ich die Entscheidung vor mich her und wog immer wieder beide Seiten ab.
Dann stand mein Entschluß fest. Die moralische Verpflichtung, für den Frieden und eine gerechtere Gesellschaftsordnung aktiv einzutreten, war schließlich so stark, daß ich alle diesem Ziel entgegenstehenden Argumente unterordnete. Ich würde nur dann noch von dieser Entscheidung zurücktreten, wenn ich bei dem ersten persönlichen Gespräch mit Vertretern der HVA feststellen würde, daß ich in entscheidenden militärpolitischen und ideologischen Fragen bisher von falschen Voraussetzungen ausgegangen bin. Nun war auch der Zeitpunkt gekommen, wenigstens einen Menschen, meinen Bruder, in meine Pläne einzuweihen. Ich war mir sicher, daß er mich verstehen würde. Wir hatten schon immer ein ausgezeichnetes Verhältnis zueinander und so war mir auch längst seine kritische Einstellung zu unserem Staat und der kapitalistischen Gesellschaftsordnung bekannt.
Etwa Ende 1971 oder Anfang 1972, den Zeitpunkt weiß ich wirklich nicht mehr genau, traf ich in Berlin-Ost zu einem ersten persönlichen Gespräch mit Vertretern der HVA zusammen. Bereits bei diesem Treff lernte ich Generalmajor Harry Schütt, damals noch Oberst und Oberstleutnant Reckling, den späteren Führungsoffizier, kennen und schätzen. Nach meiner Rückkehr und einem ausführlichen Gespräch mit meinem Bruder signalisierte ich der HVA meine Zustimmung zur Zusammenarbeit durch Ludwig, der diese Nachricht persönlich übermittelte und sich vor Ort ebenfalls der HVA als mein Teampartner zur Mitarbeit zur Verfügung stellte.
Hierzu möchte ich klarstellen:
Es war mein freier Entschluß, mit der HVA des MfS zusammenzuarbeiten. Unser gemeinsames Ziel war es, den Frieden zu sichern und für den weiteren Aufbau der sozialistischen Gesellschaftsordnung und damit für ein gerechteres Gesellschaftssystem einzutreten. Es gab keine niederen Beweggründe, die mich zu dieser Zusammenarbeit veranlaßten. Es erfolgte keine Bezahlung für gelieferte Informationen, ein derartiges Angebot hätte ich abgelehnt. Die von der HVA zur Verfügung gestellten Geldbeträge dienten zur Begleichung der Kosten. Das Kfz war beispielsweise ein für unsere Tätigkeit unverzichtbares nachrichtendienstliches Mittel - sowie als Aufwandsentschädigung für konspirative Zwecke.
Einzige versorgungsmäßige Bedingung meinerseits war, daß, im Falle meiner Enttarnung, meine Familie in jeder Hinsicht unterstützt wird. Eine weitere zu einem späteren Zeitpunkt getroffene Übereinkunft, daß den durch mich enttarnten Quellen kein physischer oder psychischer Schaden zugefügt wird, wurde zugesagt und eingehalten. Zu meiner Kundschaftertätigkeit gehörte es nicht, das Privatleben von Personen des BND oder anderer Behörden, zu denen ich Kontakt hatte, zu erforschen oder Personendossiers anzulegen oder zu übermitteln. Ich habe persönliche Freundschaften zu Arbeitskollegen und-kolleginnen niemals für meine nachrichtendienstlichen Zwecke mißbraucht. Mein Ziel- und Interessenbereich lag auf einer anderen Ebene.
Etwa ein halbes Jahr nach meiner Kontaktaufnahme mit der HVA lernte ich unseren Verbindungsmann (Instrukteur) zu Reckling, Oberstleutnant Günter Böttger, damals noch Hauptmann oder Major kennen. Wie sich sehr bald herausstellte, war die Wahl von Böttger zum Instrukteur ein ausgesprochener Glückstreffer für meinen Bruder und mich. Die Zusammenarbeit mit ihm gestaltete sich nicht nur fachlich sehr gut, sie basierte auf gegenseitigem Vertrauen, woraus sich schon nach kurzer Zeit eine tiefe und ehrliche Freundschaft entwickelte.
Meine Lieben, obwohl ich nun eigentlich am Ende der zugesagten Ausführungen bin, wäre es für Euch sicherlich unbefriedigend, wenn ich nicht einige bedeutende Ereignisse und Begegnungen während meiner nachrichtendienstlichen Arbeit im Verlaufe der folgenden Jahre herausstellen und meine Ausführungen mit einem kritischen Rückblick aus heutiger Sicht abschließen würde. Ich schreibe also weiter.
5. Bedeutende Ereignisse und Begegnungen.
Mitte der 70ger Jahre wurde in der DDR der Versuch unternommen, den volkseigenen Betrieben und Produktionsgenossenschaften mehr wirtschaftliche Eigenständigkeit einzuräumen. Der Versuch mißlang, weil es eine einseitige Föderalisierungsmaßnahme war, die ohne gleichzeitige Lockerung der zentralen Planwirtschaftsauflagen nicht greifen konnte. Hinzu kamen Probleme, die sich aus den Verpflichtungen durch die Einbindung der DDR in den RGW ergaben.
Wir, mein Bruder und ich, diskutierten diese Angelegenheit ausführlich mit Böttger. Unsere einhellige Meinung war, daß dies ein erster richtiger Schritt zu marktorientierter sozialistischer Wirtschaftsform gewesen wäre, wenn entsprechend qualifizierte und progressive Politiker im Politbüro diese Maßnahme mit geeigneten reformerischen Beschlüssen unterstützt hätten.
Anfang der achtziger Jahre wurde ich zu einem ersten persönlichen Gespräch mit Generaloberst Markus Wolf nach Dresden eingeladen. Ich freute mich sehr auf dieses erste Kennenlernen. Generaloberst Wolf nahm sich sehr viel Zeit, und ich nutzte diese Möglichkeit, mit ihm über alle mich bewegenden Probleme, einschließlich des weiteren wirtschaftlichen und politischen Weges der DDR, zu sprechen. Es war eine sehr offene Diskussion, bei der auch Schütt, Böttger und Schlegel zugegen waren. General Wolf machte kein Hehl aus seiner persönlichen Reformfreudigkeit auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet, wobei er hinzufügte, daß militärpolitische Maßnahmen in Richtung auf eine Beendigung des Kalten Krieges hierbei ein entscheidender Gradmesser für eine positive Entwicklung sein könnten. Dieses Gespräch gab mir sehr viel Hoffnung. Ich vertraute auf die Persönlichkeit des Markus Wolf und seinen Einfluß, wußte aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht, daß selbst er an der Mauer des Politbüros abprallen würde.
Als dann Mitte der achtziger Jahre der sowjetische Präsident, Michail Gorbatschow, Perestroika und Glasnost proklamierte, war ich fast sicher, daß nun endlich auch in der DDR die Entwicklung hin zu einem demokratischen Sozialismus möglich sein muß.
Generaloberst Markus Wolf war als möglicher künftiger Außenminister der DDR im Gespräch. Das waren Informationen, wie sie für mich besser nicht sein konnten. Doch schon nach kurzer Zeit mußten wir diese Hoffnung begraben. General Wolf, inzwischen als Leiter der HVA von seinem Dienstposten zurückgetreten, fiel in Ungnade. Wie ich später erfuhr, wurde er sogar mit nachrichtendienstlichen Mitteln überwacht.
Etwa 1986 übermittelte Günter Böttger meinem Bruder und mir eine Einladung zu einem Treffen mit Generaloberst Werner Großmann. Wir freuten uns auf diese erste Begegnung mit dem neuen Leiter der HVA und auf Budapest, den Treffort. Nach dem persönlichen Kennenlernen und einer kulturhistorischen Erforschung Budapests kam es bei einem gemeinsamen Abendessen zu der von mir erbetenen Diskussion über die Auswirkungen der sowjetischen Reformpolitik auf die DDR. In Anwesenheit von Generalmajor Schütt, Oberstleutnant Böttger u. Oberstleutnant Schlegel bedeutete Generaloberst Großmann meinem Bruder und mir, daß er voll hinter diesen Reformbestrebungen stehe und sie unterstütze. Die Frage sei eben nur, wie Perestroika und Glasnost in der DDR am sinnvollsten angepackt und in die Tat umgesetzt werden sollen. Die in der Sowjetunion aufgezeigte Vorgehensweise kann nicht unbedingt Maßstab für alle anderen WP-Länder sein, denn jedes Land hat seine eigenen besonderen Probleme, welche bei diesem Umgestaltungsprozeß berücksichtigt werden müssen. So wird auch die DDR ihre eigene Prioritätenfolge für eine Reform im Sinne von Perestroika und Glasnost festlegen und entsprechend danach verfahren.
Das war eine eindeutige und klare Kernaussage, welche mich wiederum in meiner Hoffnung bestärkte, daß erste Reformbestrebungen in der DDR sicherlich bald greifen werden.
Im September 1987 wurde SED-Generalsekretär Honecker von Bundeskanzler Kohl zu Gesprächen in der BRD mit allen Ehren empfangen. Der Generalsekretär machte Andeutungen über eine Normalisierung an der Grenze. Sollte das etwa der erhoffte Silberstreif am Horizont sein? Nein, was ich sah, war leider nur eine Fata Morgana.
In den nachfolgenden zwei Jahren überschlugen sich die Ereignisse förmlich. Das Volk nahm das Zepter in die Hand und forderte die längst überfälligen Reformen ein. Bis zum 9. November 1989 hatte ich noch einen kleinen Hoffnungsschimmer, daß die DDR es vielleicht doch noch schaffen könnte, ihren eigenen reformierten sozialistischen Weg zu finden; danach glaubte auch ich nicht mehr daran.
Der 29. November 1989 war dann schließlich mein schwärzester Tag. Ein knappes Jahr später, am 3. Oktober 1990, gab es die DDR nicht mehr. Ohnmächtiger Zorn, tiefe Enttäuschung und Resignation, das waren meine Gefühle, die mich lange Zeit nach dem Niedergang der DDR noch gefangen hielten.
6. Kritischer Rückblick.
Die von mir erhobene Behauptung, daß das militärische Gleichgewicht zum Nachteil des WP erheblich gestört war, ist in den achtziger Jahren von kompetenten Personen bestätigt worden. Dazu gehörten General Bastian und Admiral Schmähling. Beide mußten nach entsprechenden Äußerungen ihren Dienst bei der Bundeswehr quittieren.
Außerdem gehörte zu diesen Personen der verstorbene bayerische Ministerpräsident F. J. Strauß. Am 25. Juli 1983 äußerte sich Strauß in einem Gespräch mit Schalck-Golodkowski zu aktuellen Fragen der Kampfkraft der WP-Staaten. Schalck notierte:
"Was die Lage in Europa betrifft, gibt es im Pentagon (US-Verteidigungsministerium) und bei hohen NATO-Generalen die aus seiner Sicht völlig irrsinnigen Vorstellungen, daß die Sowjetunion einen konventionellen Krieg, der völlig auf die Panzerwaffe gestützt wäre, beginnen könnte. Er (Strauß) glaubt nicht daran, daß die Sowjetunion einen solchen Schritt unternehmen würde, weil ein konventioneller Krieg durch die Sowjetunion nicht zu gewinnen wäre".
Dann berichtete Strauß über Informationen des israelischen Geheimdienstes, wonach bei der Auseinandersetzung mit Syrien der russische Kampfpanzer T-72 aus sechs bis sieben Kilometer Entfernung durch moderne Abwehrwaffen in Schach gehalten worden sei.
"Alle Einschätzungen, die ihm (Strauß) zugänglich sind, weisen aus, daß die Kampfwerte dieses in der Masse jetzt in den Armeen des WP einführten Panzertyps dem in der NATO, besonders dem in der BRD eingeführten Panzertyp Leopard II, weit unterlegen sind." Anmerkung: Nachzulesen im STERN, Heft Nr. 51 v. 13.12.1990. Aus Bericht: "Die Schalck-Connection"
Einen weiteren Beweis, was technologische Überlegenheit bewirken kann, lieferte Israel schon vor vielen Jahren. Wenn es um einen zahlenmäßigen Vergleich der Armeen Israels und seiner potentiellen arabischen Feinde ginge, wäre der jüdische Staat seinen Gegnern hoffnungslos unterlegen. Dennoch hat Israel seit seiner Unabhängigkeit alle Kriege im Nahen Osten gewonnen, denn neben der technologischen Überlegenheit sind Israels Streitkräfte hochmotiviert und kampfbereit.
Der ehemalige Präsident Reagan bezeichnete die Sowjetunion und die übrigen Länder des WP als "Reich des Bösen". Bereits im September 1959 hat die Sowjetunion unter Chruschtschow in einem Antrag an die UNO auf eine allgemeine und vollständige Abrüstung gedrängt. Mir ist nicht bekannt, daß die westliche Großmacht Amerika zu diesem Zeitpunkt ähnliche Anträge der UNO vorlegte.
Meinem eigenen Grundsatz folgend, Schuld nicht anteilig verteilen zu wollen, wo sich doch von beiden Seiten getragen werden sollte, verzichte ich deshalb auf weitere Beispiele aus der Geschichte; ich käme sonst in Versuchung, die Frage, wo denn nun das "Reich des Bösen" wirklich sei, erneut aufgreifen zu müssen. Es steht jedenfalls fest, daß ein sowjetischer Präsident es war, der den entscheidenden und mutigen Schritt unternahm, den Kalten Krieg endgültig zu beenden.
Präsident Gorbatschow hat damit gleichzeitig die Friedensliebe der sowjetischen Großmacht, welche von westlicher Seite immer in Abrede gestellt wurde, unter Beweis gestellt. Ich denke, durch meine und meines Bruders aktive Zusammenarbeit mit der HVA haben wir zu dieser Friedensinitiative beigetragen. Wir haben damit mehr erreicht, als wir zu hoffen wagten.
Ich komme nochmals auf mein Gespräch mit General Wolf Anfang der achtziger Jahre zurück. Er sagte, daß militärpolitische Maßnahmen in Richtung auf die Beendigung des Kalten Krieges ein entscheidender Gradmesser für die positive Entwicklung hinsichtlich notwendiger innerer Reformen in den WP-Ländern sei. - Er hat recht behalten.
Durch das Nachlassen des Rüstungsdruckes konnte die Sowjetunion und der gesamte WP aufatmen und ohne die ständige Angst im Nacken sich ihren inneren Reformen zuwenden.
Die DDR hat diese Chance nicht genutzt. Die politische Führung der DDR wollte oder konnte einfach nicht erkennen, daß gutes sozialistisches Gedankengut viel zu lange schon mit Füßen getreten wurde. Ziel der Reformen war es nicht, eine kapitalistische Gesellschaftsordnung einzuführen. Das ist auch heute nicht die Absicht der östlichen Länder. Wenn ein Vaclav Havel sagt: Er bedauert , daß der Sozialismus zum Knüppel verkommen ist oder er anläßlich der Verleihung des "Karlspreises" in seiner Dankesrede zum Ausdruck bringt: er hoffe, daß sich die östlichen Länder einem bewährten System annähern, dann ist das doch keine Laudatio auf den Kapitalismus. Nichts anderes wollten die Bürgerrechtsbewegungen Neues Forum, Bündnis 90 etc. mit ihren Demonstrationen zum Ausdruck bringen.
Jens Reich, ehemaliger DDR-Bürger, Arzt, Molekularbiologe und Mitglied des Neuen Forums, wurde jüngst während einer Talk-Show, bei der auch Außenminister Genscher zugegen war, gefragt, welche Gefühle ihn denn nun nach der Wende bewegen. Er antwortete: Ich hätte mir sehr gut vorstellen können, daß es neben dem großen Bruder BRD die kleine DDR gibt, die ihren eigenen Weg gefunden hätte. Die Leitung der Evangelischen Kirche in der ehemaligen DDR wurde nach der Wende zu einer Stellungnahme gedrängt, weil man ihr unterschwellig vorwarf, sich nicht stärker für die Menschen im Lande engagiert zu haben, worauf die Kirchenleitung sinngemäß antwortete: "Sie habe die Hoffnung gehabt, daß sich aus dem Sozialismus heraus eine gerechtere Gesellschaftsordnung entwickeln würde".
Valentin Falin, von 1971 bis 1978 sowjetischer Botschafter in Bonn, heute zu den einflußreichsten Beratern des Staatspräsidenten Michail Gorbatschow gehörend, wurde im Dezember 1990 mit der Frage konfrontiert: Noch immer besteht Unklarheit darüber, ob Sie nach den Prinzipien der Marktwirtschaft oder denen des Sozialismus wirtschaften wollen? Er antwortete: "Ich meine, der Markt existierte schon, bevor der Sozialismus entstand, bevor der Kapitalismus die Welt eroberte, bevor im Mittelalter der Feudalismus das Antlitz unserer Welt prägte; ich meine, solange sich die Menschheit erinnert, hat es Marktwirtschaft gegeben, wenn auch in den verschiedensten Formen. Ich glaube, die Marktwirtschaft des Sozialismus sollte eine andere sein als die in den kapitalistischen Ländern, nur müssen wir anerkennen, daß die Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten dabei die gleichen sind. Der Markt ist die einzige existierende Methode, ein Äquivalent zwischen Leistung und ihren Ergebnissen herbeizuführen. So gesehen ist der Sozialismus mit der Marktwirtschaft völlig vereinbar.,
Dem Münchner Stadtanzeiger vom 16.05.91 habe ich entnommen: 84.000 Münchner leben an der Armutsgrenze, 8.000 sind obdachlos, 14.000 suchen eine Sozialwohnung, die Kriminalität nimmt ständig zu. Dazu wurde dem Münchner Sozialreferent Hans Stützle (CSU) die Frage gestellt: Ist Münchens Marsch in die Zwei-Drittel-Gesellschaft noch aufzuhalten? Er antwortete darauf: "Ich bin der Überzeugung, daß wir in Wirklichkeit schon mittendrin sind. Man kann nur noch darüber streiten, ob es zwei Drittel oder drei Viertel sind. Schwer zu sagen, wo die graue Zone beginnt. Ein großer Teil der Bevölkerung lebt wirklich im Elend, und zwar nicht nur in materieller Hinsicht, sondern damit auch in der Unfreiheit, das eigene Leben zu gestalten".
Das sind die immer deutlicher werdenden Folgen der gefährlichen Eigendynamik der kapitalistischen Wirtschaftsweise, wie ich sie in meinen Ausführungen bereits angesprochen habe.
Wenn man nun im Gegenzug dazu und zu Recht auf die bisherigen Ergebnisse sozialistischer Wirtschaftsweise verweist und auf abscheuliche Verletzungen der Menschenrechte und Menschenwürde hinweist, wie sie im Bereich der inneren Sicherheit der DDR jetzt in vollem Umfang offenkundig werden, dann kann ich nur beschämt den Kopf senken, denn dafür gibt es keine Entschuldigung. Ich kann mir nur die Worte eines Vaclav Havel zu eigen machen und sie wiederholen: Ich bedauere, daß der Sozialismus zum Knüppel verkam. Und genau an dieser Stelle plagen mich Selbstvorwürfe. Ich habe diese negativen Auswüchse gesehen, wenn auch nicht in vollem Umfang. Aber ich habe sie zu lange zähneknirschend hingenommen und zu lange diesbezüglich Konzessionen an mein eigenes moralisches Wertempfinden gemacht, in der Hoffnung, auf baldige Reformen und damit auf ein Verschwinden dieses üblen Auswuchses.
Die HVA kann dafür nicht verantwortlich gemacht werden. Trotzdem müssen wir uns heute diese Schläge ins Gesicht gefallen lassen, den auch wir, die Angeklagten, hätten aktiv spätestens ab 1986, Protest und Druck auf die politische Führungsspitze der DDR ausüben müssen. Es hätte geeignete Möglichkeiten gegeben. Ich entschuldige mich bei allen Menschen, denen Unrecht geschehen ist. Ich hoffe, diese Menschen erkennen aber auch, daß unser Kampf für den Frieden und eine gerechtere sozialistische Gesellschaftsordnung auch ein Kampf für sie, die Betroffenen, war.
In diesem Zusammenhang darf nicht unerwähnt bleiben, daß es neben den Bürgerrechtsgruppen und den Blockparteien in der ehemaligen DDR der letzten sozialistischen Regierung unter Führung des Genossen Hans Modrow zu verdanken ist, daß sich der Vereinigungsprozeß zwischen DDR und BRD auf friedliche Weise vollzog. Ein bisher einzigartiger Vorgang, der es verdient, in der Geschichtsschreibung festgehalten zu werden.
Damit bin ich am Ende meiner Ausführungen angelangt und möchte nur noch einen Wunsch abschließend zum Ausdruck bringen:
Ich hoffe, der Sowjetunion und den anderen östlichen Staaten gelingt das, was der ehemaligen DDR versagt blieb, aufzuzeigen und zu beweisen, daß es eine gerechte sozialistische Gesellschaftsordnung gibt, gerechter als bisher praktiziert und gleichzeitig auch gerechter als die westliche kapitalistische Ordnung.
Meine Lieben, durch meine Inhaftierung wurdet Ihr in einen diese Angelegenheit begleitenden Strudel von Unannehmlichkeiten hineingezogen.
Sorgen und Probleme entstanden. Peinlichkeiten im privaten und beruflichen Umfeld mußtet Ihre meinetwegen ertragen.
Das alles tut mir aufrichtig leid, ich wünsche mir so sehr, Ihr könnt meine Handlungsweise verstehen und mir deshalb auch verzeihen.
Ich habe Euch sehr lieb
Euer Fred
Als Nachtrag zur obigen Erklärung, gewissermaßen als kritische Anmerkung aus heutiger Sicht folgt noch eine ergänzende Stellungnahme von Alfred Spuhler* vom Mai 1998
Aus dem Hoffnungsträger Gorbatschow wurde leider auch eine Marionette der westlichen kapitalistischen Großmachtpolitik.
"Die Sowjetunion verwechselte die Hähne, anstatt sich an den lebensspendenden Quell anzuschließen, schloß sie sich an die Kanalisation des Westens an", wie das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche Alexije Anfang der neunziger Jahre in einem Interview gegenüber dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" treffend formulierte.
Edles sozialistisches Gedankengut, das Jahrzehnte mit Füßen getreten wurde, wollte Gorbatschow zum Erblühen bringen. Was ist daraus geworden? Das Riesenreich Sowjetunion zerfiel, Nationalstaatsdenken machte sich breit und der Kapitalismus pur hielt Einzug in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Gorbatschows Politik wurde letztlich zum Verrat an seinem Volk und an einem echten demokratischen Sozialismus. Die Männerfreundschaft mit Kanzler Kohl und Lobeshymnen anderer westlicher Staatsmänner bedeuteten ihm mehr als die historische Möglichkeit, neben dem Abrüstungsprozeß, gleichzeitig neue wirtschaftliche und soziale Ideen und neue politische Strukturen hin zu einem gerechteren sozialistischen Gesellschaftssystem zu entwickeln.
Für mich steht fest: Es ist eine Frage der Zeit, wann die "kapitalistische Karre" weltweit ökologisch und sozial an die Wand fährt. Globalisierung und Deals wie die jüngste Fusion des größten deutschen Industriekonzerns Daimler- Benz mit dem drittgrößten US Autokonzern Chrysler in Verbindung mit Shareholder - value- Verfechtern in den Führungsetagen der Großbetriebe und Konzerne werden diesen Prozeß noch beschleunigen. Einzige Alternative hierzu ist: Wir müssen den Aufbau einer neuen, starken und einigen Linken in unserem Land, in Europa und weltweit beschleunigen, um endlich wirksam in den Kampf gegen den Imperialismus eintreten zu können.
*) Mitglied der Initiativgruppe "Kundschafter des Friedens fordern Recht" seit März 1995
oder
Kundschafter und Revolutionär
(Aufklärung gegnerischer Dienste), Strafe: 2 Jahre,