Achteraus gesegelt...

Moin Moin

Die Redewendung "Achteraus segeln" hat seinen Ursprung in der Seemannssprache und bedeutet soviel, wie die Abfahrt seines Schiffes verpassen bzw. seine Besatzung im Stich zu lassen. Die Crew, mit der man Wind und Wetter trotzte, vorsätzlich zu verlassen, ist so ziemlich die verwerflichste Tat die ein Seemann bewusst begehen kann.

In dem hervorragend recherchierten Buch von Bodo Wegmann "Die Militäraufklärung der NVA" (Köster-Verlag) liest man zur Thematik Einschleusungsvarianten und Legendierungen auf Seite 231 dazu :

Zitat: "Dafür befand er sich auf ein Schiff der Deutschen See Reederei (DSR) und setzte sich auftragsgemäss im Verlauf der Passage nach Skandinavien ab." [Zitat Ende]

Eine richtige, klare Aussage. In einem Satz den Fakt beschrieben, der für die Nachwelt so erhalten bleibt: Setzte sich auftragsgemäß ab. Achteraus gesegelt.....

Dieses Buch hat natürlich nicht die Zielstellung, persönliche Befindlichkeiten des "Geschleusten" zu diesem Zeitpunkt zu dokumentieren, aber wo erfährt man dazu Näheres?

Was dachten und fühlten diese Menschen in diesem Moment?

Menschen, die aus Überzeugung während des Kalten Krieges freiwillig einen Beitrag zur Erhaltung des Friedens leisteten, unter Inkaufnahme vieler persönlicher Opfer und der Gefahr der Enttarnung bzw. Verhaftung. Wie empfanden sie sich selbst im Moment des Einschleusens als "Auftragserfüller" oder als kommunistische Fanatiker?

Bei der Beantwortung dieser Frage sollte man sich verdeutlichen, was für einen langwierigen logistischen Vorlauf es bis zum Tag X - Schleusung in das Operationsgebiet (OG) gab.

Einen Mitarbeiter für die HVA/Militäraufklärung der NVA (Verwaltung Aufklärung) zu finden, der bereit ist dauerhaft in das OG zu wechseln ist sicherlich problematisch und zeitaufwändig gewesen. Nicht jeder in Frage Kommende war bereit, sein bisheriges Leben aufzugeben. Vorbei mit dem offenen Leben, dafür eine andere Person werden, eventuell Identität wechseln und bereit sein im politisch und militärisch -feindlichen Ausland auf unbestimmte Zeit zu leben. Mehr noch:

Geheime Aufklärung zum Zwecke der Informationsbeschaffung dort zu betreiben.

Nicht jeder der dazu bereit war, hatte auch die erforderliche Befähigung dazu. Was hängt da alles mit dran: Psychisch belastbar, flexibel, der familiäre Faktor und nicht zuletzt die politische Zuverlässigkeit. Vielfach wird heute angeführt, die östlichen Nachrichtendienste hatten leichtere Arbeitsbedingungen, z.B. in der BRD, resultierend durch gemeinsame Sprache und Kulturkreis. Dem kann man aber nur bedingt zustimmen.

Ein "Übersiedler" bzw. "legendiert Geschleuster" musste schon in der Lage sein, sich in das westliche Gesellschaftssystem zu integrieren bzw. als vorgeblicher Nichtkommunist sich anpassen. Dazu waren intensive Vorbereitungen notwendig, um sich Regimekenntnisse zur nahtlosen Eingliederung zu erarbeiten wie Dialekte, Begriffe, Ortskenntnisse und Lebensart.

Diese Anpassungsfähigkeit bzw. Adaptionskompetenz war eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Tätigkeit im OG.

Das fachliche Handwerk, Funkverkehr, Geheimschrift, Fototechnik, Chiffrieren usw. konnte man problemlos erlernen; das Umstellen auf ein anderes Leben unter veränderten Bedingungen aber war immer individuell von der jeweiligen Person abhängig und weitaus komplizierter.

Dem auf dem Seeweg "Geschleusten" selbst wird kurz vorher noch einmal alles durch den Kopf gegangen sein, was vor diesem Tag X für die Legendierung und Übersiedlung gemeinsam mit dem Führungsoffizier (FO) erarbeitet wurde.

Das Vertrauen zu dieser guten Vorbereitung war garantiert vorhanden. Er fühlte sich als Antifaschist und politischer Kämpfer. Angst vor Enttarnung -nein. Angst würde die Arbeit behindern, hemmen und eher Fehler bei der operativen Arbeit provozieren. Ein gewisses Restrisiko blieb zwar, aber wer handwerklich gut arbeitete und keine Fehler machte, konnte nur durch Zufall oder Verrat auffliegen.

Verbindungswege noch mal durchdacht. Ein letztes Signal an die Zentrale. Dann stand der Geschleuste oft für Jahre (meist 3Jahre) auf eigenen Füssen, allein gelassen im OG, ohne jeglichen Kontakt zur Zentrale (zur persönlichen Sicherheit), abgeschnitten von allen bisherigen persönlichen Bindungen. Das im wahrsten Sinne des Wortes, denn die bis dahin, im Laufe des Lebens gewachsenen, persönlichen Kontakte zu Freunden, Kollegen und Verwandten waren plötzlich nicht mehr existent. Ein Vakuum persönlicher Beziehungen tat sich auf und musste kompensiert werden durch erfolgreiches Einleben und Schaffung neuer sozialer Bindungen im OG. Wie lief es denn bei der Vorbereitung im bisherigen privaten Umfeld ab? Der persönliche Freundes- und Bekanntenkreis in der DDR wurde schon vorher auf ein Minimum reduziert und war nicht mehr vorhanden. Dieser Personenkreis sollte nicht kompromittiert werden mit einem Republikflüchtling in den eigenen Reihen und diente eher zur Legendierung eines (vorgetäuschten)) politischen Gesinnungswandels des "Geschleusten". Für diese Freunde war man ab jetzt ein Verräter an dem gemeinsamen politischen Ziel.

Die eigene Familie, die meist nie eingeweiht wurde, war geschockt. Die Eltern im Rentenalter - wird man sie jemals wiedersehen? Hat man den darauffolgenden Herzinfarkt des Vaters mit verursacht? Wie werden die Geschwister reagieren, die jetzt Schwierigkeiten beim Studium bzw. bei der Berufswahl bekamen?

Mit dem Verlust der Wohnung in der DDR, ein Teil der bisherigen persönlichen Identifikation, der bescheidene persönliche Besitz und Dinge mit ideeller Beziehung, verlustig. So sah die menschliche Seite aus.

Eine Handlung- Drei Interpretationen:

  1. Die Zentrale: Schleusung und Legendierung = Tätigkeit im OG, Beitrag zur Friedenserhaltung.
  2. Die Familie: Schock, Trennung, menschliche Enttäuschung und Scham.
  3. Freunde und Bekannte: Verräter!

Daran sollte man auch denken, wenn ein Kundschafter darüber berichtet, wie er als Einzelkämpfer unter persönlichen Opfern seinen Auftrag erfüllte.

Ich bin der Meinung, hier liegt noch sehr viel Potential brach ,über das Zeitzeugen unbedingt berichten müssen, um es für die Nachwelt zu erhalten.

Achteraus gesegelt....

Sicherlich wurde die Methode der Schleusung über den Seeweg mit DSR-Schiffen häufiger genutzt. Der oder die Geschleusten (auch Ehepaare) wurden von der verlassenen Besatzung sicherlich nicht mit Kosenamen (wer die Seemannsprache kennt...) bedacht. Dem Kapitän und Verantwortlichen wird es im Heimathafen im Zusammenhang mit politischer Wachsamkeit sicherlich auch noch Ungemach bereitet haben.

Damit bekommt aber dieser Satz Aussagekraft von handelnden Personen, wenn man liest".....setzte sich auftragsgemäss von einem DSR-Schiff auf der Passage......ab."

Dem "Geschleusten" ereilten diese menschlichen-persönlichen Emotionen spätestens, wenn er - vielleicht mit junger Ehefrau - mit persönlichen Papieren, versteckt in der doppelten Unterwäsche am Körper (als Startkapital), vor einer westlichen Botschaft oder Konsulat stand und aus dem überzeugten DDR-Bürger und NVA/HVA-Offizier ein "SBZ-Flüchtling" wurde. Da stand da ein Mensch, der in einer historisch konkreten Situation, politisch bewusst und freiwillig handelte um zur Friedenserhaltung beizutragen. Auch später noch, wenn er dann in der Tarnung eines "normalen" Bundesbürgers nachrichtendienstliche Aufgaben in der westlichen Hemisphäre erfüllte, holte ihn die Zeit manchmal ein, wenn ein ehemaliger Kollege und Seemann des verlassenen Schiffes ihm zufällig über den Weg lief, vor ihm ausspuckte und das Wort "Verräter" zischte.

Wie gerne hätte man darauf geantwortet und durfte nicht.

Wie sollte man auch erklären, dass "Achteraus segeln" mitunter eine positive Auslegung erfahren müsste......

Deckname Sturm
Kundschafter (IKF-Mitglied)
- 1992 durch Verrat verhaftet -
07.02.06


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