Warnung an Klempner Ein Buch über die bundesdeutsche Jagd auf DDR-»Killerkommandos«
Schon während der Pariser Commune von 1871 hatte die honorige Presse der zivilisierten Welt deren Verursacher ausgemacht: Die Internationale Arbeiterassozisation mit Karl Marx an der Spitze. Der notierte 1872: »Nach dem großen Brande von Chikago kündigte denselben der Telegraph an rund um die Erde als die höllische Tat der Internationale, und es ist wunderbar, daß man den Orkan, der Westindien verwüstete, nicht ihrem dämonischen Einwirken zuschrieb.« Jens Berger hat dieses Zitat in sein Buch »Theobald Tiger und der Stasikiller« eingefügt. Eingebettet in Reminiszenzen an Kurt Tucholsky geht Berger der Geschichte des »Stasikillers« Jürgen G. nach, die im Herbst vergangenen Jahres einige Großmedien des Landes zu subtiler Recherche und donnernden Kommentaren veranlaßte. Inzwischen ist der angebliche Serientäter aus der Untersuchungshaft entlassen, der Generalbundesanwalt kündigte langwierige Ermittlungen an, die investigativen Medien schweigen. Von 28 Ermordeten ist keine Rede mehr, die Leichen fehlen.
Berger läßt keine Blutspur aus, die der DDR-Klempner und die »Killerkommandos« laut Berichten von Spiegel, Focus, Bild und Berliner Zeitung gelegt hatten. Die wiedergegebenen Texte sind absurd und wären nicht erwähnenswert, handelte es sich nicht um das Produkt einer 1990 von DDR-»Bürgerrechtlern« und ihren willigen Helfern und Vollstreckern in Gang gesetzten Industrie, die in Birthler-Behörde sowie deren Zuliefer- bzw. Abnehmerbetrieben ganze Bataillone gut ernährt. Der Zweck, die Ostdeutschen mit »Stasi« mundtot und gefügig zu machen, wo Abwicklung und Arbeitslosigkeit nicht ausreichen, wurde in den zurückliegenden Jahren leidlich erfüllt. Derzeit stockt das Geschäft, die Leute gehen demonstrieren. Bergers Buch gibt den Laden noch mehr der Lächerlichkeit preis als schon geschehen.
Der Grundton des Buches ist ironisch, aber der Autor kommt auf die politische Absicht des Medien- und Justiztheaters zu sprechen: »Es geht darum, >nachzuweisen<, daß in der DDR ebenso gemordet wurde wie in den Jahren des faschistischen Holocaust.« Dieser Zusammenhang wurde von einem der maßgeblichen Verbreiter der »Killerkommando«-These, Andreas Förster, in der Berliner Zeitung selbst hergestellt. Berger zitiert seine Suada über mögliche Auswahl von Mordopfern durch Erich Honecker und Erich Mielke: »Die angebliche Todesschwadron der SED-Führung würde sich als unheimlicher Höhepunkt in diese Kette der Staatsgewalt logisch einordnen. So sehen es auch viele Ostdeutsche, die solche Praktiken des staatlich angeordneten Mordes, wie sie sonst nur aus faschistischen Diktaturen bekannt sind, ihrer früheren Staatsführung ohne Zögern zutrauen...« Förster dürfte mit diesem Text ein Dokument des Vermutungsjornalismus geschaffen haben, das Anspruch auf Klassizität erheben darf.
Es geht um Gaga-Publizistik, die ernstzunehmen ist. Das Verfahren ist so, wie es Tucholsky 1931 beschrieb: »Die Abteilung Ia des Berliner Polizeipräsidiums verhaftete gestern fünf Kommunisten, die im Verdacht stehn, mit Waffenfunden im Zusammenhang zu stehn, von denen als sicher gelten darf, daß sie im Benehmen mit Personen gemacht wurden, die im Verdacht stehn, im Verdacht zu stehn. Ein Verfahren wegen Hochverrats ist demgemäß im Gange.« Heute läuft das so: Im Prozeß gegen Markus Wolf 1993 in Düsseldorf wird MfS-General Harri Stöcker als Zeuge vernommen. Seine Aussage, es habe »keinesfalls Killerkommandos« des MfS zur »Liquidierung von Verrätern« im »Operationsgebiet« gegeben, reicht, um ihn wegen Meineids anzuklagen. Der Prozeß findet 1999 statt, endet mit einem kompletten Freispruch des Generals – Berger zitiert ausführlich aus dem Urteil – und der Bemerkung des Richters in der mündlichen Urteilsbegründung: »Der Begriff >Killerkommando< wurde vom Generalbundesanwalt eingeführt und vom Oberlandesgericht Düsseldorf übernommen.« 2003 war er wieder da.
Die Justiz als Urheber journalistischer Halluzinationen – das führte im Fall Jürgen G. zu einer Verhaftung und reichlich gedrucktem Unfug. Bleibt Bergers Warnung: »DDR-Klempner aufgepaßt...!«
Jens Berger: Theobald Tiger und der Stasikiller. Spotless-Verlag, Berlin 2004, 104 Seiten, 5,10 Euro, ISBN 3-933544-97-1. Spotless-Verlag, 10131 Berlin, Postfach 028830, Internet: www.spotless.de
Arnold Schölzel
junge welt vom 04.09.2004