Verwanzt und ausgetrickst

Klaus Behling hat ein Buch über den Nachrichtendienst der NVA geschrieben

Es ist der 29. Juni 1957: Der Briefumschlag auf seinem Schreibtisch kommt Generalmajor Karl Linke verdächtig vor. Er hat keine Post in seiner Wohnung im Bodenmaiserweg in Berlin-Karlshorst herumliegen lassen. Als er den Umschlag öffnet, fällt ein Westberliner Personalausweis heraus. Er trägt die Nummer 20043/54, Geburtsdatum und Geburtsort, 10. Janur 1900 in Reichenberg. Sogar ein Abdruck seines rechten Zeigefingers findet sich rechts unten. Nur Name und Adresse lauten anders. Hans Geyer, wohnhaft Zehlendorf, Am Vierling 23, Beruf: Kaufmann.

Linke, Chef der Militäraufklärung der DDR, liest den beiliegenden Brief. Dort wird ihm mitgeteilt, daß sich in seinem Schreibtischsessel eine Abhöranlage befindet, über die von einem westlichen Geheimdienst dienstliche und private Informationen gewonnen wurden. Außerdem seien auch Unterlagen entwendet worden. Linke wird geraten, sofort in die Westsektoren Berlins zu kommen.

Karl Linke reißt das Futter seines Sessel auf und findet tatsächlich Drähte, Spulen und Widerstände im Sessel. Dann kontrolliert er seine Schreibtischschublade. Es fehlen ein internes Telefonverzeichnis des Verteidigungsministeriums und eine namentliche Aufstellung alle Mitarbeiter des NVA-Nachrichtendienstes, eine Liste der dienstlichen Anschlüsse seiner Unterstellten, eine handschriftliche Aufzeichnung über einen Erfahrungsaustausch mit der sowjetischen Militäraufklärung in Moskau. Ein Übertritt kommt für Linke nicht in Frage.

1986 wiederholt sich alles: Im Schreibtisch des Chefs des Nachrichtendienstes der NVA, Generalleutnant Theo Grigori, wird eine Wanze gefunden.

Die »Verwaltung Aufklärung« im Verteidigungsministerium der DDR wurde am 1. Juli 1952 gegründet. Dieser Nachrichtendienst der NVA beschäftigte zeitweilig 1181 NVA-Angehörige. Seine Anlagen für elektronische Aufklärung befanden sich im Raum Dessau. Die Zusammenarbeit mit 138 konspirativen Mitarbeitern in der BRD wurde bis Ende Juni 1990 beendet. Die Aufklärungsarbeit der NVA wurde in zwei Komplexe aufgeteilt: Vorwiegend elektronische Truppenaufklärung der BRD sowie Arbeit über Agenturen vor Ort. Am 13. September 1990 meldet Generalleutnant Alfred Krause, der letzte Chef des militärischen Nachrichtendienstes der DDR, Minister Rainer Eppelmann, daß alle Akten des Informationszentrums entsprechend einem Befehl vom 1. März 1990 vernichtet wurden.

Das war nicht richtig. Im zentralen MfS-Archiv fanden sich 72 laufende Meter Akten, die alle Aktivitäten des militärischen Nachrichtendienstes dokumentieren – für die Bundesanwaltschaft ein gefundenes Fressen.

Klaus Behling hat nach jahrelangen Recherchen, dem Studium zahlreicher Publikationen in der alten BRD und vielen Gesprächen mit Insidern jetzt einen Report vorgelegt, der Licht in das Dunkel um den kleinsten Geheimdienst der DDR bringt.

Klaus Behling: Der Nachrichtendienst der NVA. edition ost, Berlin 2005, 272 Seiten, 12,90 Euro

Franz-Karl Hitze
junge welt vom 23.05.2005


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