Nach Berlin ausgeschleust

»Flucht vor der Junta« schildert die Rettung verfolgter Chilenen nach dem Pinochet-Putsch. Geheimdienstliche Operation der DDR

Ein Kapitel deutscher Geschichte ist in der bundesdeutschen Öffentlichkeit kaum bekannt: Das besondere Verhältnis der DDR zu Chile. Eine wichtige Episode der Beziehungen beider Länder steht im Mittelpunkt des soeben erschienenen Buches »Flucht vor der Junta«: Die Ausschleusung verfolgter Chilenen, die nach dem Putsch des Generals Augusto Pinochet am 11. September 1973 um ihr Leben fürchten mußten.

Herausgeber Gotthold Schramm, Oberst a. D. der DDR-Auslandsaufklärung, hat die Erinnerungen von etwa einem Dutzend Personen gesammelt, die an diesen Operationen beteiligt waren: Angehörige diverser DDR-Ministerien, Geheimdienstoffiziere, Techniker. Sie berichten über die damalige Lage in Chile, über die Umsturz-Strategie der USA, über die Aufnahme von Chile-Flüchtlingen in der DDR. Und vor allem darüber, wie die in die damalige DDR-Handelsvertretung geflüchteten Chilenen in Sicherheit gebracht wurden. Dabei wurden alle Register gezogen, die der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) zu Gebote standen: Perfekt gefälschte Reisedokumente, präparierte Fluchtfahrzeuge, tote Briefkästen.

Der Staats- und Parteiführung in Berlin ging es aber nicht nur um die Rettung der Verfolgten, von denen einige tausend später in der DDR für Jahre ihre Heimat fanden. Ihr ging es auch darum, den illegalen Widerstandskampf der Sozialistischen und der Kommunistischen Partei Chiles zu unterstützen. Einer der wichtigsten Vorgänge war daher die Ausschleusung des Parteiführers der chilenischen Sozialisten, Carlos Altamirano. Geschildert wird auch, wie die DDR dabei half, die Verbindung der im Exil befindlichen Parteiführungen mit dem illegalen Parteiapparat in Chile selbst zu ermöglichen.

Die 15 Beiträge des Buches beleuchten die damalige Operation zwar von verschiedenen Seiten – der Leser vermißt jedoch eine zusammenfassende Darstellung. Geplant wurde die gesamte Ausschleusung in der Berliner Normannenstraße, von dort wurde sie auch finanziert, organisiert und gesteuert. Es waren mehr als nur einige Offiziere beteiligt, die oberste Leitung hatte HVA-Chef Generaloberst Markus Wolf, die unmittelbare Verantwortung trug Generalleutnant Horst Jänicke. Der taucht in dem Band allerdings nur als Mitverfasser des Vorworts auf, ohne daß seine Rolle eigens gewürdigt wird.

Man hätte in dem vorliegenden Band gerne etwas darüber gelesen, wie Flüchtlinge auf dem Seeweg aus Chile ausgeschleust wurden – immerhin hatte die DDR-Führung (wie auch im Buch beschrieben) mehrere Frachter offenbar zu genau diesem Zweck nach Chile umdirigiert. Interessant wären auch die Komplikationen gewesen: Markus Wolf etwa schilderte in einem jW-Interview (11. 9. 2004), daß einer seiner Offiziere in Argentinien erkrankte und sich ausgerechnet von der BRD-Botschaft helfen lassen mußte, da er mit einem gefälschten bundesdeutschen Paß reiste.

Lobenswert ist, daß der Verlag dem Buch ein Abkürzungsverzeichnis beigefügt hat – was gerade bei Berichten über die von Abkürzungen wimmelnde Welt des DDR-Staats- und Sicherheitsapparates das Verständnis des Textes erleichtert. Allerdings wäre es sinnvoll gewesen, die Abkürzungen bei der jeweils ersten Nennung im Text kurz zu erläutern – das erspart dem nicht einschlägig vorgebildeten Leser das häufige Nachschlagen. Ein Personenregister wäre ebenfalls hilfreich gewesen.

Trotzdem ist das Buch voll knisternder Spannung, was aber am Thema und weniger an der Darstellung liegt. Die Ausschleusung der chilenischen Flüchtlinge wäre Stoff für einen spannenden Tatsachenroman oder für einen Politikrimi mit geschichtswissenschaftlicher Qualität. Vielleicht findet sich ein erfahrener Autor, der die in dem besprochenen Buch vorliegenden Materialien aufnimmt und sie mit persönlicher Recherche und Dokumenten anreichert.

Diese Bemerkungen seien als Anregung und nicht als Kritik an dem vorliegenden Buch aufgefaßt. Auch wenn sich manches verbessern ließe, es ist Gotthold Schramms Verdienst, diesen Akt der Solidarität der weitgehenden Vergessenheit entrissen und damit zu einer realistischeren Beurteilung der DDR beigetragen zu haben.

»Flucht vor der Junta«, Gotthold Schramm (Hrsg.), edition ost, ISBN 3-360-01067-1, 224 Seiten broschiert, 14,90 Euro

Peter Wolter
junge welt vom 05.09.2005


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