Mein lieber Schwan ...

WDR-Autor langte mal wieder tief in die Stasi-Kiste. Und griff erneut daneben

Es geht nicht immer gut, wenn Journalisten meinen, ein Buch schreiben zu müssen. Halbbildung kompensiert mancher von ihnen gerne mit Wortgeklingel und übersteigertem Selbstbewußtsein. Was herauskommt, ist erstens dick im Umfang und dünn im Inhalt und zweitens landet es schnell auf dem Ramschtisch. Dieses Sondermüllager für intellektuell kontaminierte Produkte wäre die angemessene Endstation. Aber leider gehen derartige Bücher auch den klassischen Umweltschutz an: Um so etwas drucken zu können, müssen Bäume geschlagen werden.

Ein schönes Beispiel für derartigen Baumfrevel hat jetzt der WDR-Journalist Heribert Schwan vorgelegt. »Das Spinnennetz« heißt sein neuestes Buch, das er gemeinsam mit der Psychologin Helgard Heindrichs verfaßte. Es geht darin um Schwans Lieblingsthema: Das böse Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Das hat nämlich die Dreistigkeit besessen, mit seiner Auslandsaufklärung Interna aus dem Auswärtigen Amt in Bonn erfahren zu wollen.

Mal eben ein Buch

Das MfS-Thema treibt Schwan schon seit Jahren um. Tiefenrecherche braucht es da nicht, immerhin hat man ja ein paar nette Kontakte zu Verfassungsschützern, Gerichten und zur Birthler-Behörde. Sobald das Thema filmisch erfaßt und mehreren Sendern honorarpflichtig angedreht ist, bietet sich noch die Weiterverwertung in Form eines sensationell aufgemachten Buches an. Das gibt erstens Zusatzhonorar, zweitens festigt man sein Image als Stasi-Jäger und drittens macht es kaum Arbeit. Die hatte nämlich wohl in erster Linie die Koautorin.

Das als »Tatsachenkrimi« angekündigte Taschenbuch befaßt sich mit den vier Diplomaten, die im Dienste der DDR-Auslandsaufklärung Informationen aus dem Auswärtigen Amt beschafften: Ludwig Pauli, Hagen Blau, Klaus von Raussendorff und Lilli Pöttrich. Informationsbasis waren Gerichtsakten, Material aus der Birthler-Behörde sowie Gespräche mit Frau Pöttrich und einigen anderen. Das war es auch schon. Schwan und seine Koautorin zeigen sich empört darüber, daß die anderen Kundschafter kaum oder gar nicht mit ihnen reden wollten.

Anhand einer Anleitung des MfS für den Umgang mit Inoffiziellen Mitarbeitern versuchen Schwan/Heindrichs nachzuzeichnen, wie diese Agenten angeworben und geführt wurden. Beiden Autoren muß es ein wenig weh getan haben, bestätigen zu müssen, daß die DDR-Auslandsaufklärung intensiv und einfühlsam mit ihren Kundschaftern umging. Wahrscheinlich ging es ihnen auch gegen den Strich, daß sie in keinem der geschilderten Beispiele Spuren von Erpressung oder Bestechung entdecken konnten. Eher widerwillig räumen sie ein, daß alle vier erwähnten Diplomaten durch ihre Zusammenarbeit mit der DDR den Frieden sichern wollten.

Dieser »Tatsachenkrimi« ist eine vorzügliche Einschlafhilfe. Er ist oberflächlich zusammengeschrieben; jedes halbwegs haltbare Klischee über die DDR, ihren Geheimdienst und die Auslandsaufklärung wird aus der Schublade gekramt. Die eigentlichen Motive der Kundschafter interessieren Schwan/Heindrichs. wenig – das Buch »Kundschafter des Friedens«, in dem u.a. Klaus von Raussendorff ausführlich seine Karriere geschildert hat, wird zwar in der Literaturliste genannt aber im vorliegenden Buch nicht einmal zitiert. Hinzu kommen Ungereimtheiten redaktioneller Art: Das Oberlandesgericht in NRW hat plötzlich in Münster seinen Sitz, die »Alphabetische Aufstellung der MfS-Agenten in Bonn« am Ende des Buches ist nicht nur unvollständig, sondern stellenweise falsch.

Er hat recht

Schwan hat sich mit dem Thema offenkundig übernommen, er stößt an seine Erkenntnisgrenzen. Er versteht es nicht, wie man dem Westen schlechte Absichten unterstellen und sich für den Erhalt des Friedens verantwortlich fühlen kann. Er versteht es nicht, daß ehemalige MfS-Offiziere und ihre Kundschafter heute immer noch zu dieser Meinung stehen. Aber wo er recht hat, hat er recht: »Um so dreister treten sie immer mal wieder auf. ... Der Haß auf die Bundesrepublik ist ungebrochen, und der Zorn auf den >Verräter< Michail Gorbatschow wirkt noch lange nach. Von Einsicht, gar Reue, im Auftrag einer kommunistischen Diktatur Landesverrat geübt zu haben, fehlt jede Spur. Im Gegenteil: Voller Stolz blicken sie zurück auf ihre Taten und auf das, was sie im Namen von Erich Honecker, Erich Mielke, Markus Wolf und Werner Großmann für den SED-Staat geleistet haben.« (Seite 308 f.)

Heribert Schwan/Helgard Heindrichs: »Das Spinnennetz«. Knaur Taschenbuch Verlag, September 2005, 400 Seiten, ISBN: 3426777320, 12,95 Euro

Peter Wolter
junge welt vom 10.10.2005


zurück