Siegerkino Deutschland hat immer noch die besten Nazis: Kleine Filmgeschichte
Darf ich an Walter Benjamin erinnern?« fragt Dietrich Kuhlbrodt auf Seite 194 seines neuen Buches: »>Was man vernichten will, das muß man nicht nur kennen, man muß es, um ganze Arbeit zu leisten, gefühlt haben.< Und das tut weh.« Dieser Nachklapp auf das Zitat, das Kuhlbrodt 150 Seiten vorher schon mal gebracht hat, ist sein Ansatz beim Schreiben über Nazis im deutschen Kino: Die Filme müssen wehtun. Sonst taugen sie politisch nichts. Wenn einer den Faschismus ausgetrieben kriegt, dann schmerzt das eben.
Bekanntlich gehen die wenigsten mit diesem Anspruch ins Kino. Dafür zahlt man doch keine Karte, daß der Film wehtut! Deshalb werden die Kassenschlager in Kuhlbrodts kleiner Nazifilmgeschichte (von den 20ern bis heute) fast durchweg verspottet. Das geht los mit den Publikumsmagneten der Vor- und Nachkriegszeit: »Der sprechende Titel des ersten Rühmann-Films: >Das deutsche Mutterherz< (1926). Hoffnungslos postpubertierende Männer, hilflos schwankend zwischen der Mutter-mit-Herz und der Hure-mit-Fotze.« Oder Gustaf Gründgens, den ausgerechnet Ernst Busch aus dem sowjetischen Internierungslager holte. Kuhlbrodt fragt etwas geknickt: »War es eine Kumpelromanze?« und erinnert den blödsinnigen Akzent des »Staatsschauspielers«: »>Nein, ich kAnn´s und mAg´s nicht fAssen, daß mich der MAgs verlAssen kAnn.< Ich hAbs heute noch im Ohr«.
Diese Verhohnepipelungen schlagen am Ende des Buches, wo´s um die Filmnazis von heute geht, manchmal in richtigen Ärger um. Bei »Sophie Scholl - Die letzten Tage«, Oscar-Kandidat von 2005, ist es noch witzig, wenn die Kamera bei der Hinrichtung »von der Kammerspielguillotine nach oben schwenkt, der blaue Himmel steht offen, lichter Tag und weiße Wölkchen. Eine Botschaft! Im Jahre 1943!« Aber daß es im Film unwidersprochen heißt: »Freisler war früher Sowjetkommissar« und durchweg, auch von den Mitgliedern der »Weißen Rose«, Gestapodeutsch geredet wird, weil das Drehbuch den Vernehmungsprotokollen folgt, die keine Wortprotokolle sind - das nimmt auch Kuhlbrodt nicht mehr mit Humor. Genauso ist es mit »Napola - Elite für den Führer« (2004): Hitlerboys mit »strahlendem Nazi-Image fliegen im Kino die Herzen zu«. Und natürlich mit »Der Untergang«, einer »rechtskonservativen Kampfansage«, die bis 2010 als Zweiteiler à 90 Minuten noch paarmal in der ARD laufen wird: »NDR, WDR und ARD-Tochter Degeto haben zu den 14 Millionen Produktionskosten knapp fünf Millionen beigesteuert.«
Mit welchen Waffen dieser Kampf gegen den Nazikommerz zu führen ist, kann Kuhlbrodt nur andeuten. Er gehört zum alten Eisen, hat 1965 in Ludwigsburg im Auftrag der Staatsanwaltschaft Anklagen gegen Nazis vorbereitet, in einem Frauengefängnis. Gern erzählt er, auch hier im Buch, wie da ein SS-General feierlich zu Grabe getragen wurde, aus dem Trauerzug mit Bundeswehrkapelle »reckten sich Fäuste gegen die Zellengitter: >Wir kriegen euch noch!<« Wenn so einer 40 Jahre später im Multiplex kapieren muß, daß »Hitler doch gesiegt hat«, kann ihn das ratlos machen. Schon toll, was Kuhlbrodt noch für Eier hat, die Richtung vorzugeben, die jetzt einzuschlagen ist.
Zum Beispiel gibt´s den Anti-Untergang von Christoph Schlingensief: »100 Jahre Adolf Hitler - Die letzte Stunde im Führerbunker«, 1988 in weniger als 24 Stunden gedreht, für unterm Strich 14000 DM. »Statt Hitler als Menschen zu zeigen, hat Schlingensief die deutschen Menschen als Hitler gezeigt - in der urdeutschen und allen Zuschauern vertrauten Sentimentalität des Weichnachtsschwulsts.« Kuhlbrodt spielt in dem Film Goebbels, wurde deshalb von Genossen angemacht, ist aber völlig okay damit. Seine Begründung ist stichhaltig: Der Film lief »zum Hundertjährigen des Führers« auf der Berlinale, »störte erfolgreich das öffentliche Gedenken an den Jubilar«, Punktum.
Zu den Guten, die mit »lustvoller Unverschämtheit in eine Welt eindrangen, die ihre Ordnung zu bewahren suchte«, zählt Kuhlbrodt außerdem Jörg Buttgereit (»Die blutigen Exzesse im Führerbunker«, 1984) und Romuald Karmakar (»Das Himmler-Projekt«, 2001). Beide Filme haben fast nichts gekostet, sind klar in der Form und schwer auszuhalten. Aber es macht Sinn, sich das anzutun, sich die dreistündige Rede vortragen zu lassen, die Himmler am 4. Oktober 1943 vor 92 SS-Generälen gehalten hat, ohne filmische Effekte. Kuhlbrodt weist darauf hin, daß heutige Beamte zwar nicht mehr die »Judenvernichtung« im Mund führen, aber wenn es um Beförderungen geht, ist Himmlers »Diktion und Gewichtung« aktuell geblieben (Kuhlbrodt: »Ich war ja in der BRD Beamter und habe die Reden noch im Kopf.«)
Um die 120 Filme (meist mit Inhaltsangaben und Pressezitaten) werden im Buch aufgefädelt zur Geschichte der Nazis im bundesdeutschen Kino, wie Kuhlbrodt sie erlebt hat (von der DEFA taucht nur Konrad Wolfs »Sterne« auf, bei einem Ausflug in Zensurmaßnahmen - unglaublich, wie viele böse Nazis und gute Kommunisten für BRD-Kinos weggeschnitten werden mußten). Anspruch auf Vollständigkeit erhebt der Autor nicht, gibt dafür nebenbei ständig super Hinweise, ob jetzt zur FDÄ oder zur Seite dasversteckspiel.de. Sein Fazit, daß die Nazis im deutschen Kino nie besser waren, ist als Aufruf zum widerständigen Filmen und Filmegucken mehr als bierernst zu nehmen.
Dietrich Kuhlbrodt: Deutsches Filmwunder - Nazis immer besser. Konkret Literatur Verlag, Hamburg 2006, 200 Seiten, 15 Euro; am 6. Juli präsentiert Kuhlbrodt das Buch im Metropolis-Kino, Hamburg; am 1. August im Festsaal Kreuzberg, Berlin
Alexander Reich
junge welt vom 30.06.2006