Der Fall des NVA-Chefs Vincenz Müller

Tollkühne Initiative

Einem bizarren Lebenslauf folgte Peter Joachim Lapp (Universität Köln). Held seines jüngsten Buches ist ein »Vollblutbayer«, der es vom Kompaniechef eines Garderegiments des Kaisers zum Bürooffizier beim letzten Reichskanzler der Weimarer Republik brachte, schließlich Chef des Generalstabes und eines Armeekorps im Zweiten Weltkrieg wurde und letztlich Generalstabschef der Streitkräfte der DDR war. Offizier in vier Armeen. Doch nicht nur dies macht Vincenz Müller zu einer spannenden Figur der Zeitgeschichte. Der erste Chef des Stabes der Nationalen Volksarmee und stellvertretende Verteidigungsminister der DDR griff Mitte der 50er Jahre in die deutsch-deutschen Beziehungen ein. 1955 hatte Müller zu Bundesfinanzminister Fritz Schäffer (CSU) Kontakt gesucht. Beider Familien kannten sich aus der Vorkriegszeit in München. Ferdinand Müller, der Vater des nunmehrigen DDR-Generals, und Fritz Schäffer vertraten die Bayerische Volkspartei im Landtag. Letzterer hoffte auf ein informelles Gespräch mit dem Sowjetbotschafter Georgi M. Puschkin in Ostberlin. Vincenz Müller vermittelte. Nach einem ersten gescheiterten Anlauf kam dieses schließlich am 20. Oktober 1956 zu Stande. Schäffer gab seiner Überzeugung Ausdruck, dass eine Wiedervereinigung Deutschlands auf der Grundlage einer Föderation erforderlich sei und das wiedervereinigte Land keinem Pakt angehören solle. Auch Müller plädierte für Verständigung und meinte, dass die Ostdeutschen sich nicht zu Kriegsmaßnahmen gegen die Bundesrepublik hergeben würden. Puschkin soll sich - nach Lapp - aufs Zuhören beschränkt und selbst nicht zur deutschen Frage geäußert haben. Gegen Ende des mehrstündigen Gesprächs habe er Schäffer lediglich auf die Notwendigkeit von Verhandlungen mit der DDR verwiesen.

Über das Vieraugengespräch in der Botschaft war Vertraulichkeit vereinbart worden. Ein mutmaßlicher Bandmitschnitt ist bis heute nicht aufgetaucht. Besonders brisant ist, dass sich im anschließenden Privatgespräch zwischen Müller und Schäffer der Stabschef auch über eine mögliche Ablösung Walter Ulbrichts durch die NVA geäußert haben soll - was den Straftatbestand des Hochverrats erfüllte.

Die vereinbarte Vertraulichkeit über das Treffen bei Puschkin brach zwei Jahre später Ulbricht. Verärgert über die Ablehnung seiner Pläne für eine Konföderation durch die Bundesregierung, ließ er die überraschte Öffentlichkeit wissen, dass solche Vorschläge ursprünglich aus der »Bonner Küche« stammten. Müller, der 1958 bereits in den Ruhestand versetzt worden war, wurde zu öffentlichen Erklärungen in der »Berliner Zeitung« und im DDR-Fernsehen gedrängt - unter der Androhung, bei einer Verweigerung verhaftet zu werden. Er habe einen Hochverratsprozess zu gewärtigen, soll der SED-Chef ihm laut Lapp gedroht haben.

Minister Schäffer musste seine Kontakte zu »Pankow« eingestehen. Bundeskanzler Adenauer kam innenpolitisch in Bedrängnis. Um sich aus dem Dilemma zu winden, wurde Schäffer »rührende Naivität« und »gefühlsbewegtes Denken« vorgeworfen. Ebenfalls keinerlei Dank sollte in der DDR Müller erfahren. Dessen letzte Lebensjahre waren von einem Nervenleiden und Anzeichen für eine Schizophrenie überschattet. Ob die Erkrankung auf politische Ursachen zurückgeführt werden kann, wie Lapp meint, sollte von kompetenten Medizinern beantwortet werden. Am 12. Mai 1961 beging Müller Selbstmord.

Dem Verfasser dieser atemberaubenden Biografie ist zuzustimmen, dass des NVA-Generals kühne deutschlandpolitische Initiative edlen patriotischen Motiven entsprang. Müller wie auch Schäffer war es darum gegangen, der Tendenz eines weiteren Auseinanderdriftens der beiden deutschen Staaten entgegenzuwirken. Lapp bemerkt hierzu: »Das ist ihnen nicht gelungen, war aber den Versuch wert.«

Peter Joachim Lapp: General bei Hitler und Ulbricht. Vincenz Müller - Eine deutsche Karriere. Ch. Links Verlag, Berlin 2003. 288 S., 30 Fotos, geb., 24,90 EUR.

Siegfried Prokop
Neues Deutschland vom 06.09.03


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