In erster Linie schlechte Väter
Wenn über Spionage geschrieben wird, denken wir fast ausschließlich an die hergebrachten Klischees und die Akteure einer verdeckten Auseinandersetzung zwischen feindlichen Mächten. Für den Rahmen der innerdeutschen Spionage haben die Medien einen Begriff geschaffen, der zwar nicht durch das Völkerrecht justitiabel gedeckt, aber dennoch berechtigt ist: der Kalte Krieg. Alle Attribute eines Kriegs lassen sich auf den nachrichtendienstlichen Bereich anwenden. Es gibt Täter und Opfer, Gute, und Böse; je nachdem, auf welcher Seite der Betrachter stehen mag. Und wie jeder Krieg, so produzierte auch der Kalte jene Opfer, die nie gefragt wurden, ob sie überhaupt in die Schlacht ziehen wollen. Anders als Soldaten, die schließlich wissen, worauf sie sich einlassen, trifft es die Unbeteiligten stets besonders hart. Handelt es sich dann auch noch um die eigenen Kinder, die mit den Kriegsfolgen in einem Alter konfrontiert werden, das ihnen keine Möglichkeit bietet, das Erlebte einzuordnen und rational zu verarbeiten, sind nachhaltige Folgen programmiert.
Die Rede ist von den Lebensgeschichten zweier Frauen, deren Leben im Kindesalter durch den Verrat des einen Vaters und die Enttarnung des anderen Vaters geschädigt wurden. Nicole Glocke und Edina Stiller erzählen in "Verratene Kinder" über diesen Einschnitt ihres Lebens und dem Versuch eine Antwort auf die Frage nach dem Warum zu finden. Irgendwann im Verlaufe ihrer Recherchen treffen sie aufeinander, sprechen über ihre Erfahrungen und Gefühle, werden Freundinnen. Das Buch ist ein schonungsloser Rückblick auf ihre Vergangenheit und auf die Väter.
1979 läuft der Oberleutnant der Auslandsaufklärung der DDR, Werner Stiller in den Westen über und verrät neben vielen anderen auch Karl-Heinz Glocke, der als Kundschafter der DDR bei den Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerken tätig ist. Glocke wird verhaftet und Stiller reich belohnt. Glocke lässt unfreiwillig seine 9jährige Tochter Nicole zurück und Stiller durchaus freiwillig seine etwa gleichaltrige Tochter Edina. Was dieser Schritt eines Verräters in den Biographien der Töchter bewirkt hat, beschreibt das Buch. Ein Buch, dem wir uns nicht mit literarischen Kriterien nähern dürfen und ebenso wenig mit jener Haltung, die wir beim Lesen eines Sachbuches geneigt sind, einzunehmen. Da gibt es kein Richtig oder Falsch. Da gibt es nur die subjektive Empfindung dieser beiden Frauen, der es mit Respekt und Achtung zu begegnen gilt. Für jeden, der selbst konspirativ auf der einen oder anderen Seite tätig war, sollten diese Erfahrungsberichte zur Pflichtlektüre werden.
Die Aufmachung des Buches täuscht auf den ersten Blick. Abwechselnd beschreiben Nicole und Edina episodenhaft ihre Suche nach Antworten, die nur die Väter geben können. Diese scheinbare Gleichwertigkeit suggeriert einen Verrat der Väter an den Töchtern. Als Verräter kann aber nur der Überläufer Stiller ausgemacht werden. Alle Beteiligten - Nicoles Vater eingeschlossen - sind Opfer. Auch dann, wenn Nicole das Verhalten ihres Vaters in ähnlicher Form empfinden mag. Die Unfähigkeit von Glocke, sich seiner Tochter gegenüber zu erklären ist bedrückend. Mit klaren Worten erkennt sie im Handeln ihres Vaters die politisch-ideologische Motivation. Als Marxist hat er sich für die Stärkung und Sicherung des sozialistischen Deutschlands engagiert. Nicht mit der roten Fahne, legal und offen, sondern getarnt als CDU-Mitglied und heimlich. Viele ehemalige Kundschafter der DDR treten heute offen und erhobenen Hauptes auf und stellen sich der Geschichte. Der Hass gegenüber dem heißen Krieg und dem Tod charakterisiert diese Menschen ebenso wie die Liebe zum Frieden und zum Leben. Und dafür braucht sich keiner zu schämen; erst recht nicht der eigenen Tochter gegenüber. Da Nicole bei ihrem Vater keine Antworten findet und er sich allen Versuchen zu einem Gespräch entzieht, sucht sie Erklärungen bei jenem Verräter, der ursächlich war für ihr Trauma.
Edina Stiller wurde von ihrem Vater verlassen und ebenso verraten wie die ganze Familie, Freunde, Nachbarn und Kollegen. Auch sie sucht den Weg zu ihrem Vater, sucht Erklärungen und Antworten. Über Stiller wurde viel berichtet. Wann immer von Spionage die Rede ist, fällt sein Name. Wen wundert es auch? Unzweifelhaft war sein Übertritt in den Westen die größte Niederlage der DDR. Oder besser gesagt: eine der ganz wenigen. Was die Berühmtheit dieses Namens erklärt. Legenden wurden gestrickt. Lange Zeit sollte das Märchen aufrecht erhalten werden, dass es sich bei dem Fall Stiller um einen operativen Sieg der Westdienste gehandelt habe. Oder besser gesagt: einen der ganz wenigen. Wer in der einen oder anderen Form noch an solchen Legenden Festhält, sollte dieses Buch lesen. Nichts in den Erzählungen der beiden Frauen, die sich intensiv mit Stiller beschäftigten, alles lasen und studierten, was es über ihn gab, deutet auch nur annähernd auf ein politisches Motiv für seinen Verrat hin. Nichts anderes als sein grenzenloser Egoismus, seine Gier nach Geld und sein sexuelles Verlangen kommen als Erklärung in Betracht. Edina Stiller findet keinen Zugang zu ihrem Vater. Die Frau, die nichts anderes sucht, als die Liebe zum leiblichen Vater - wohlgemerkt jenseits ihrer Rationalität, unabhängig von der objektiven Bewertung seines Handelns - wird praktisch ignoriert; nur wahrgenommen, wenn es seinen eigenen Bedürfnissen entgegen kommt. Mir ist keine andere Biografie oder Beschreibung bekannt, in der so eindrucksvoll die Abscheulichkeit des Charakters eines Menschen hervor tritt. Nicht in den Worten von Edina oder Nicole, aber in der Bewertung des Lesers.
Auf den Punkt bringt es Nicole Glocke, wenn sie schreibt: "Wir haben sie nie als geheimnisvolle Agenten, als mythische Figuren wahrgenommen. Für uns - und das ist das Entscheidende - sind sie in erster Linie Väter und zwar sehr schlechte."
Worte, die dem Rezensenten in ganz besonderer Weise nahe gehen, musste er doch nach dem Verrat eines ebensolchen Verräters für vier Jahre in Haft und seine Tochter und seinen Sohn im Alter von fünf und drei Jahren zurück lassen.
Nicole Glocke, Edina Stiller: Verratene Kinder. Zwei Lebensgeschichten aus dem geteilten Deutschland. Ch. Links Verlag, Berlin; gebunden, 192 Seiten, 19,90 Euro.
Dieter W. Feuerstein
Neues Deutschland vom 22.11.03