Ohne rote Fahne Im Auftrag der HVA zur UNO
Nach seinen Erstlingswerken »Alice-Ost und Alice-West« sowie »Und nur langsam fächert das Licht zu Tale«, die sich einfühlsam um Befindlichkeiten im Deutschland vor und nach Wendezeiten ranken, versucht sich der strafberentete Autor nunmehr mit seinem Lebensweg – und das meint Partei- und FDJ-Arbeit in den Aufbaujahren, vorrangig aber seine langjährige Tätigkeit als Offizier der DDR-Aufklärung. Da von der USA-Abteilung rekrutiert, befindet sich zwangsläufig die Neue Welt im Visier – davon mehrere Jahre als Resident in New York im schützenden Gewand des Diplomaten der DDR-Vertretung bei der UNO – dabei regelrechtem Psychoterror durch FBI und CIA ausgesetzt.
Kritisch, auch selbstkritisch, gewiss nicht beckmesserisch berichtet Horst Joachimi über »Wahrheiten«, denen er in eisigen wie lauwarmen Zeiten des Kalten Krieges beiderseits der Barrikade begegnete, sei es im Stahlwerk Silbitz, während des Moskauer Tauwetters, in Amtsstuben der HVA oder im UNO-Hauptquartier, in Harlem, Wien und Addis Abeba. Auch ein Agentenaustausch auf der Glienicker Brücke gehört dazu, und die Zusammenarbeit mit IM, mit so genannten Selbstanbietern sowie Geheimdienstkollegen. Amüsant zu lesen sind so manche Irrwege, an vertrauliche Informationen über den »Klassenfeind« heranzukommen. Ein Hissen der roten Fahne auf dem Capitol, wovon so mancher stramme Parteiführer einst insgeheim träumte, war allerdings nicht eingeplant. Der Leser erfährt: Wenn diplomatische Verwicklungen zu befürchten waren, wurde nachrichtendienstlich eher zurückgedreht.
Manche Geschichte erinnert an Gegenwärtiges, so eine illegale Abhöraktion des FBI im Hause des UN-Botschafters von Kuwait – eine Bagatelle im Vergleich zum Ausspionieren des UNO-Generalsekretärs, wie jüngst bekannt wurde. Während sich darüber die Entrüstung in Grenzen hält, wird das Westpersonal des DDR-Nachrichtendienstes abgestraft. Der Autor erinnert an die Entführung des HVA-Agenten »Kid«, der aus Cincinatti (Ohio) stammt. Und er meint, dass letztlich die Mitarbeiter der Dienste beider Seiten für sich reklamieren können, einst an der Sicherung eines – wenn auch fragilen – Friedens zwischen Ost und West beteiligt gewesen zu sein.
Ungeschminkt beleuchtet der Autor das imperiale Gehabe der Supermacht. Zugleich schimmert seine Liebe für Land und Leute durch. Gerade das macht seinen Bericht glaubwürdig.
Horst Joachimi: Begegnung mit der Wahrheit. Verlag am Park bei Edition Ost, Berlin 2004. 117 S., br., 9,90 EUR.
Bernd Kaufmann
Neues Deutschland vom 16.09.04