Unterbelichtetes aus MfS-Dunkelkammern

Fotografie und Staatssicherheit – und was man irgendwie alles schon irgendwoher wusste

Oh je, nur nicht einfach durchblättern! Wer es sich so leicht macht mit der Arbeit von Dr. Karin Hartewig, wird rasch zu dem Urteil »Fehlkauf« kommen. Doch auch wer sich vertieft, wird den Eindruck nicht los, mit vielen Klischees versorgt zu werden. Das Buch vermittelt das Gefühl, als habe jemand in eine Computersuchmaschine eingegeben: Suche »MfS und Fotos«. Klar, das ist unmöglich, denn die Zeiten, in denen die DDR-Aufsichtsbehörde genau wusste, was für den Sozialismus – also auch für die Menschheit – gut ist und was schadet, blieben – zu unser aller Glück – weitgehend ohne elektronische Beihilfe.

So bleibt es durchaus bei der Feststellung: Karin Hartewig hat fleißig gearbeitet. Was auch sein möchte, wenn man von der Volkswagenstiftung 145000 Euro für das Projekt bekommen und neben einem Buch auch einen TV-Beitrag daraus gemacht hat. Sicher war es nicht einfach für eine in Göttingen lebende Historikerin, die zu Wendezeiten im Westen promovierte und seitdem – laut Klappentext – wissenschaftliche Mitarbeiterin an Unis in Bochum, Jena, Essen und Erfurt war, die Banalität des DDR-Alltags zu erahnen. Die Masse der (sekundären) Quellenangaben mag eine Ursache erhellen. Vielleicht ist die Autorin daher bisweilen von dieser Banalität überrollt worden. Hartewig erzählt Geschichten und Geschichtchen, die irgendwie mit Fotos zusammenhängen. Dabei geht es mal um kriminalpolizeiliche Ermittlungsarbeit, wie sie überall in der Welt üblich war und ist, mal geht es um gezielte Aktivitäten gegen Bürgerrechtler. Wie die Staatssicherheit innere Opposition – oder das, was sie dafür hielt – »bearbeitet« hat, ist und bleibt ein düsteres Kapitel »sozialistischer Demokratie«. Die jedoch erfährt durch Hartewigs Buch keineswegs kritische Erhellung. 40 Jahre DDR – also auch 40 Jahre Staatssicherheit und Fotografie – lassen sich nicht per Schablone sortieren. Schon gar nicht durch Erläuterungen, die bisweilen zynisch ausfallen. Ein Historiker sollte sich Begriffe wie »Geheimpolizei« und »sozialistischer Blockwart«, die geeignet sind, falsche Assoziationen zu wecken, verkneifen. Sicher hat die Autorin, wie die VW-Stiftung wortgleich mit dem Klappentext des Verlages lobend anmerkt, sich »jahrelang durch den Bilderberg der Stasi gearbeitet«. Ob sie jedoch immer den »Hintergrund wichtiger Fotos« recherchiert und eine »systematische Auswahl« zusammengestellt hat, sollte nicht mit solcher Bestimmtheit geäußert werden. Sicher gibt es auch Gründe, dass die Autorin die Arbeit der Aufklärung völlig ausblendet. Nur werden die nicht schlüssig erklärt. Stattdessen gibt es eine nahezu rührige Story über die Beziehungen der Hauptabteilung VIII zu ihrem West-IM Martin, der ab und an auch Fototechnik über die Grenze schmuggelte. Doch was bringt´s dem Thema, das man zu vergangenen Zeiten »Fotografie als Waffe im Klassenkampf« nannte?

Wer sich etwas mit Klassenkampf und Fotografie befasst hat, der mag der Autorin in manch anderen Deutungen »tschekistischen Wirkens« gleichfalls nicht folgen. Beispiel: »Auch die Staatssicherheit betätigte sich in der Nachfolge Heartfields als Monteur der Wirklichkeit.« Himmel! Welch Verständnis der Heartfieldschen Fotomontagen muss da wirken, um dem Mielke-Ministerium so viel Ehre anzutun?!

Recht hat die Autorin, wenn sie das Miefige der »MfS-Familienalben« darstellt. Nur: Auch das ist nach über 15 Jahren Verbannung in das Reich der Vergangenheit nicht wirklich interessant.

Karin Hartewig: Das Auge der Partei – Fotografie und Staatssicherheit. Ch. Links Verlag, Berlin 2004. 272 S., geb., 19,90 EUR.

René Heilig
Neues Deutschland vom 28.10.04


zurück