Respekt von NATO-Militärs

Die Luftabwehr der NVA - modern und quantitativ stark

Als technisch modern und quantitativ außergewöhnlich stark schätzten NATO-Militärs in den 80er Jahren respektvoll das Luftabwehr-Potenzial auf dem Territorium der DDR ein. Zu diesem gehörten Jagdfliegerkräfte, Fla-Raketen, Fla-Geschütze, Fla-MGs und Funkmessstationen der Truppenluftabwehr der Landstreitkräfte der Nationlen Volksarmee und der Gruppe sowjetischer Streitkräfte in Deutschland (GSSD) sowie natürlich die Luftverteidigungskräfte der NVA. Den NATO-Militärs war auch die Reaktionsfähigkeit des Diensthabenden Systems ihres militärischen Gegners bekannt. Die Zahl der Fla-Raketenregimenter bezifferte man auf über 30, die der Fla-Raketenbrigaden auf mehr als 10. Insgesamt wurden 20 000 bodengebundene Einsatzmittel errechnet (was in etwa stimmte). Dementsprechend war man sich auf der Bonner Hardthöhe wie auch im NATO-Hauptquartier in Brüssel bewusst, dass ein etwaiger massiver Luftangriff der 2. und 4. alliierten Luftflotte auf die DDR auf heftigstes Abwehrfeuer stoßen würde - vor allem, wenn es nicht gelänge, die Funkmessstationen zu stören.

Darüber und über vieles mehr informiert das Buch »Die Truppenluftabwehr der NVA« Es gibt einen informativen Einblick in deren Entstehung und Entwicklung. Zehn ehemalige Offiziere berichten. Sie waren teils zunächst in Polizeieinheiten tätig, ausgerüstet noch mit Waffen der Wehrmacht, und kamen vorwiegend aus der Arbeiterklasse. Sie gehörten zur so genannten Aufbaugeneration, die mehrheitlich über keine militärischen Erfahrungen verfügte, aber über den festen Willen, ihr Land zu verteidigen und die jeweiligen Waffen zu beherrschen. Sie wussten ihrerseits, dass die Angriffsfliegerkräfte der NATO ein ernstzunehmender potenzieller Gegner waren.

Die hoch qualifizierten Autoren bedienen keine Klischees. Sie verfassten ihre Berichte in einem nüchternen, sachlichen Stil, der Berufssoldaten Eigen ist. Hier findet sich auch nicht das aus anderen Publikationen zur Zeitgeschichte sattsam bekannte Geschwafel über eine angeblich volksfeindliche Unterdrückungsfunktion der NVA. Das Buch lebt von authentischer Zeitzeugenschaft. Die hier zu Wort kommenden einstigen NVA-Offiziere sind sich der Defizite des politischen und ökonomischen Systems der DDR bewusst, sehen aber keinen Anlass, ihre Aktivitäten und Leistungen für den bewaffneten Schutz ihres Staates zu verleugnen. Dem Leser werden zahlreiche Fakten und Details zur Vorgeschichte, zu den Anfangsjahren und zur Entwicklung der ostdeutschen Armee geboten, er erhält Insiderinformationen über Gefechtsausbildung, Truppenübungen, Kriseneinsätze, Lehreinrichtungen etc. Das Thema »Waffenbrüderschaft« ist nicht ausgeblendet. In den mitgeteilten Erlebnissen und Erfahrungen wird auch so manche Kritik an einstigen Zuständen geübt.

Die Herausgeber widmen ihr Buch explizit den ehemaligen Angehörigen und Zivilbeschäftigen der Truppenluftabwehr. Dessen langjähriger Chef, Generalleutnant a.D. Paul Kneiphoff, schreibt im Vorwort: »Mein Dank geht aber auch an ihre Frauen, die oft auf sich alleingestellt waren und/oder den Männern dorthin folgten, wohin diese der Befehl schickte.« Ferner artikuliert er den Wunsch, das Buch möge auch bei Angehörigen der Bundeswehr Aufmerksamkeit finden. Kneiphoff betont: »Diese NVA kann für sich reklamieren, die einzige deutsche Armee gewesen zu sein, die nie Krieg führen musste. Dass es so kam, geht auch auf das Konto jener, die bis 1990 den Waffenrock der Truppenluftabwehr der NVA der DDR trugen. Das ist eine historische Tatsache, auf die wir ohne jede Einschränkung stolz sein können.«

Angemerkt sei zum Schluss noch: Dieses Buch erschien in einer nunmehr zur Eulenspiegel Verlagsgruppe gehörenden Edition, die übrigens allen an DDR-Geschichte interessierten Zeitgenossen als erste Adresse gelten sollte.

Paul Kneiphoff/Michael Brix (Hg): Die Truppenluftabwehr der NVA. Eulenspiegel Verlagsgruppe/Verlag am Park, Berlin. 452 S., geb., 19,90 EUR.

Wolfgang Wünsche
Neues Deutschland vom 14.07.05


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