War die Schweiz Spionageziel?

Als Herr Dr. Veleff mich vor geraumer Zeit fragte, ob ich ihm als Zeitzeuge für die Erarbeitung seines Buches zur Verfügung stehen würde, reagierte ich zunächst zögerlich. Meine Erfahrungen in den vergangenen sechzehn Jahren mit Bundesbehörden und der Presse waren nicht die besten. Was da aus "Siegersicht" über das MfS und die NVA verbogen und gelogen wurde und wird, macht mißtrauisch. Das war in diesem Falle, wie das vorliegende Buch von Peter Veleff zeigt, nicht angebracht.

Ihm geht es nicht darum, alte Feindbilder zu bedienen. Der Leser soll erfahren, wie es gewesen ist, und nicht, wie es nach staatlichen Vorgaben gewesen sein soll. Als ehemaliger Untersuchungsrichter und Abwehroffizier der Schweiz, der u. a. in der Neutralen Überwachungskommission für den Waffenstillstand in Korea tätig war, untersuchte er die Aktivitäten der Hauptverwaltung Aufklärung des Ministeriums für Staatssicherheit (HVA)und der Militäraufklärung der Nationalen Volksarmee in akribischer Weise. Neben Akteneinsicht, Nachforschungen in Archiven und Befragung von Zeitzeugen berücksichtigte er auch die Aussagen in bereits vorliegender Literatur. Im Ergebnis seiner Recherchen geht Dr. Veleff davon aus, daß die Schweiz "kein Hauptland" der Aufklärung für die HVA und die Militäraufklärung der NVA war. Sie wurde auch nicht als potentieller militärischer Gegner betrachtet. Daß diese These zutrifft, wird im Buch eindeutig nachgewiesen. Es gab seitens der DDR zu keinem Zeitpunkt Aufgabenstellungen oder Handlungen ihrer Aufklärungsdienste mit dem Ziel der Destabilisierung der Schweiz und ihrer Verteidigungsfähigkeit. Für den Autor blieben aber auch einzelne Fragen offen, die auf Grund der Vernichtung von Unterlagen und Nichtgenehmigung einer Einsichtnahme in vorhandene Akten sowie Gesprächsverweigerung noch nicht geklärt werden konnten. Die Militäraufklärung der DDR hatte in den sechziger Jahren, dem generellen Auftrag folgend, keine militärische Überraschung zuzulassen und auf einen möglichen Spannungs- und Kriegsfall vorbereitet zu sein, auf dem Territorium der Schweiz eine Residentur für Verbindung und Versorgung aufgebaut. Nach Enttarnung und Verhaftung der Mitarbeiter, angeworbene Schweizer Bürger gab es nicht, wurden keine neuen Agenten eingeschleust oder in der Schweiz geführt. Die Aufgabenstellung zur Verhinderung einer militärischen Überraschung sowie die Aufklärung der politischen und militärischen Aktivitäten der NATO-Staaten blieb bestehen. Sie wurde in der Schweiz von legalen Positionen aus geführt. Dr. Veleff hat auch zu diesem Kapitel umfangreiche Untersuchungen und Ermittlungen vorgenommen. Die Ergebnisse sind in seinem Buch dargestellt. Die beigefügten Kopien von Anforderungen des "Zentrums" und Berichten der Attachés geben dem Leser einen Einblick in das System der Führung und Berichterstattung der Arbeit von legalen Positionen. Dem Autor sei für die sachlichen und umfangreichen Ausführungen zum Thema gedankt. Auch für die Worte, die er eingangs seiner Darlegungen äußert: "Ich habe es stets als eine Anmaßung empfunden, zu glauben, daß nur der eigene Standpunkt der absolut richtige sei, ohne sich je die Mühe gegeben zu haben, eine Sache auch einmal aus der Warte eines anderen zu betrachten, sei es in der Religion, in der Politik oder ganz einfach im Alltag."

Das Buch "Spionageziel Schweiz?" ist für Politiker, Militärs, Wirtschafts- und Abwehrexperten als lohnende Lektüre zu empfehlen. Dem an Zeitgeschichte interessierten Leser ohnehin. An einigen Stellen verwendete der Autor die im eidgenössischen Militär gebräuchliche Dienststellungsbezeichnung "Kommandant" auch für die NVA. Die Entsprechung ist jedoch "Kommandeur".

Peter Veleff: Spionageziel Schweiz? Die Geheimdienste der DDR und deren Aktivitäten in der Schweiz, Orell Füssli Verlag AG, Zürich 2006, 280 Seiten, 32,80 Euro

Oberst a. D.
Harry Schreyer
Rotfuchs, August-Ausgabe 2006


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