Der Drahtzieher

Ein Buch über einen USA-Geheimdienstgeneral

Das Inszenieren von Militärputschen zur Beseitigung unbotmäßiger Präsidenten, Premiers und anderer hoher Politiker gehörte zu den Spezialaufgaben, die Anthony Vernon Walters während seiner über 30-jährigen Karriere in den Geheimdiensten und der Diplomatie der USA wahrnahm. Die Autoren des spannend geschriebenen Buches "Der Drahtzieher" belegen faktenreich von ihm eingefädelte Operationen, darunter den Sturz Mossadeghs 1953 in Iran, die Ermordung Allendes 1973 in Chile und des christdemokratischen Parteiführers Aldo Moro 1978 in Rom, die Mobilisierung der Contras ab 1981 in Nikaragua, die persönliche Beratung Papst Wojtylas bei der Inszenierung der konterrevolutionären Rolle der Solidarnosc ab 1980 in Polen.

Mit Vorliebe bediente Walters sich alter und neuer Faschisten. Das unter seiner Regie verfasste Konzept hieß "Spannungsstrategie". Sie erlebte 1967 mit dem Putsch der "schwarzen Obristen" und der Installation ihrer Militärjunta in Athen und 1973 mit dem Staatsstreich Pinochets in der Variante "Centauro-Plan" ihre Generalprobe. In Italien fielen der "Spannungsstrategie" in den 70er Jahren bei Terroranschlägen Hunderte Tote und Tausende Verletzte zum Opfer. 1978 wurde Moro liquidiert und damit eine Regierungsbeteiligung der Kommunisten verhindert. Im Visier Walters befand sich Moro schon seit 1963, als er die Aufnahme der Sozialisten in sein Kabinett ankündigte. Als Militärattaché in Rom forderte Walters, dass die USA dann "das Land ohne zu zögern militärisch besetzen" müssten. Pentagon und CIA nahmen Kurs auf einen Staatsstreich, den der neofaschistische Befehlshaber des Carabinieri-Korps, General De Lorenzo, durchführen sollte.

Während der Putschvorbereitung hatte der italienische Geheimdienst SIFAR unter der direkten Regie von Walters einen "Lauschangriff" gegen zahlreiche hohe Persönlichkeiten des Staates und der Parteien geführt und 157 000 "unzuverlässige" Personen auf "schwarzen Listen" erfasst, darunter Moro mit seinem gesamten Mitarbeiterstab.

Nach Washington zurückgekehrt, avancierte Walters zu einer Schlüsselfigur der Defense Intelligence Agency (Militärischen Aufklärung), um 1972 unter Nixon, inzwischen im Generalsrang, zum stellvertretenden CIA-Direktor aufzusteigen. Unter Reagan diente er von 1981 bis 1983 als Sonderbotschafter und danach im Kabinettsrang als Chefdelegierter bei der UNO. In seinen Memoiren "Silent Missions" verharmloste er seine Rolle durchgehend, gab aber zu, dass er Regierungen aufforderte, "etwas zu tun oder zu unterlassen", bei der UNO die Aufgabe hatte, "soviel Länder wie möglich dazu zu bringen, mit uns zu stimmen", oder "einen Meinungsumschwung in den afrikanischen und arabischen Ländern herbeizuführen". Die verbrecherische Aggression gegen Vietnam, bei der drei Millionen Menschen umgebracht wurden, war für ihn, der einige Zeit "Aufgaben vor Ort" erfüllte, "einer der nobelsten und selbstlosesten Kriege, an denen die Vereinigten Staaten je teilgenommen haben".

Dieser Mann ohne Skrupel und Moral beendete seine Geheimdienstkarriere im Diplomatenanzug. Anfang 1990, als der "Verkauf" der DDR durch Gorbatschow an die BRD beschlossene Sache wurde, übernahm er als Botschafter in Bonn das Kommando, um die entscheidenden Fäden, die dazu zwischen Washington und Moskau (und nicht in erster Linie zwischen Kohl und Gorbatschow) gesponnen wurden, in der Hand zu halten. Der damalige Präsident George W. Bush sen. (Vater des heutigen Kriegspräsidenten) gab seinem Botschafter mit auf den Weg, dort werde es "ums Ganze gehen". Das hieß, Walters ging nach Bonn, um den Todesstoß gegen die DDR zu führen, "dem sowjetischen Sicherheitssystem das Herz herauszureißen". Er selbst definierte, als seine Aufgabe, "die Letzte Ölung zu geben, kurz bevor der Patient stirbt."

(Klaus Eichner, Ernst Langrock: Der Drahtzieher. Vernon Walters - Ein Geheimdienstgeneral des kalten Krieges. Kai Homilius Verlag, Berlin 2005)

Gerhard Feldbauer
Unsere Zeit vom 17.02.06


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