Wie einer Kommunist wurde und nach der Niederlage Kommunist blieb
"Meine Gedanken eilen der Verhandlung im Bundesgerichtshof voraus. Ich nehme mir vor, meine Sache ehrenhaft zu vertreten. Ich erinnere mich an Fernsehberichte aus Karlsruhe, an jämmerliche Gestalten, die zu später Stunde bei ´Piccolo´ Wirres in die Kameras lallten ... Die HVA habe sie zur Mitarbeit gezwungen; sie hätten gar nicht anders können. ... Oder: Sie hätten doch auf ihre Art die Wiedervereinigung vorbereitet. Nun tat ihnen alles sehr, sehr leid. Ich will es besser machen. Trotzdem bekomme ich Angst: Werde ich das schaffen?"
Um es gleich zu sagen - ja, er hat es besser gemacht, der Heinz D. Stuckmann, alias IM "Dietrich". Er ist weder in den Vernehmungen beim Bundesanwalt noch in der Gerichtsverhandlung seinem Vorsatz untreu geworden.
Die Verhaftung Stuckmanns im Januar 1994 war für viele bundesdeutsche Journalisten offensichtlich ein Schock. Der Gründer und Direktor der angesehenen Kölner Journalistenschule, zuvor viele Jahre Reporter der ZEIT und des "stern" ein Stasi-Agent! Und so waren sie dann auch schnell mit ihren Verurteilungen zur Hand, dabei weder nach dem warum noch nach dem wie seiner Zusammenarbeit mit der Hauptverwaltung Aufklärung im Ministerium für Staatssicherheit der DDR zu fragen.
Ja, es war eine Zusammenarbeit mit der Hauptverwaltung X der HVA, jener Abteilung, die sich in der Auseinandersetzung der zwei Gesellschaftssysteme mit den psychologischen Kampfformen befasste. Folglich sagt Stuckmann denn auch von sich: "Ich war kein Kundschafter. Oder in der Sprache der anderen Seite: Ich war kein Spion." Um dann aber hinzuzufügen: "Das sage ich nicht, weil ich mich über diese Genossen erheben will."
Nein, er sagt es, weil es so war, weil es auch eine geheime Kampffront gab, die mit der Aufklärung im landläufigen Verständnis nichts zu schaffen hatte.
Und so haben wir denn auch bei den "Bekenntnissen des IM ´Dietrich´" keinen Insiderbericht eines Kundschafters vor uns, sondern die Lebensgeschichte eines Mannes vom Jahrgang 1923, der seinen Weg vom Hitlerjungen und katholischen Jungmann zum bewussten Kommunisten beschreibt. Hier jammert nicht einer über "verlorene Jahre", über ein "verpfuschtes Leben", sondern steht zu seinen Überzeugungen und Taten. Heinz D. Stuckmann lebt heute, um alle materiellen Güter gebracht, verarmt in Köln.
Bleibt mir nur zu sagen: Lest ihn! Lest Stuckmann, den Kommunisten!
Heinz D. Stuckmann: Verdammte Kommunisten. Die Bekenntnisse des IM "Dietrich". Kai Homilius Verlag, Berlin 2006. 309 S., Hardcover, 19,90 Euro.
Edmund Schulz
Unsere Zeit vom 11.08.06