Wir riefen Moskau zu Hilfe

Erinnerungen an die Krise in der CSSR 1968/69

Vasil Bilak hat in den 80er Jahren seine Erinnerungen an die Ereignisse in der CSSR zwischen Januar 1968 und April 1969 aufgeschrieben. Jetzt wurden sie im Verlag "edition ost" herausgegeben. Dem Herausgeber und Übersetzer, Klaus Kukuk, war es sehr wichtig, mit einem Vorwort und einer ausführlichen Nachbetrachtung die Erinnerungen Bilaks einzuordnen in die geschichtlichen Umstände. Dies hat Gründe. Auch, weil er der Auffassung ist, das "Menschen ... immer unter konkreten Umständen" handeln. "Das, was Politiker wollen, lässt sich selten so durchsetzen, wie es sie sich dachten oder später Historiker wünschen, dass es hätte geschehen sollen" (S. 11).

Die ökonomischen und innenpolitischen Ursachen der 68er Ereignisse in unserem Nachbarland sind jedoch heute kaum noch bekannt. Vielleicht wäre es deshalb besser gewesen, die Nachbetrachtungen des Herausgebers an den Anfang des Buches zu setzen?

Bilaks Erinnerungen sind ein wichtiges Zeitdokument. Er berichtet über Vorgänge, die bislang nicht oder nur wenig bekannt waren. Er beobachtet die agierenden Personen und versucht sie einzuschätzen. Er setzt sich mit Dubcek und anderen auseinander und wird zur "Unperson". Bilak gehörte zu jenen, die Ende der 60er Jahre für notwendige Veränderungen in seinem Land eintraten. Er beschreibt die Vorgänge um den "Prager Frühling", die jedoch nicht zur Lösung der Probleme, sondern dazu führten, dass unser Nachbarland in eine tiefe gesellschaftliche Krise geriet, in der die weitere sozialistische Entwicklung der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik (CSSR) in Frage gestellt und zur Gefahr für die Stabilität der sozialistischen Staaten in Europa wurde. Die Sowjetunion und die KPdSU sieht er als stets treuen Bündnispartner und Freund; nicht nur wegen des gemeinsamen Kampfes gegen den Faschismus. Bilak berichtet - ohne Beschönigung - über die Vorgänge auf höchster politischer Ebene der Regierung sowie der kommunistischen Partei in der kritischsten Zeit der CSSR und über die Mahnungen und Bedenken der anderen Parteien der Länder des Warschauer Vertrages. Er benennt dabei sehr wohl auch seine eigenen Irrtümer. Lange hatte er beispielsweise seinem im ganzen Land populären slowakischen Landsmann Dubcek vertraut. Offenbar hat er selbst erst recht spät erkannt, wohin die Entwicklung im Land tatsächlich geht, dann aber versucht konsequent zu handeln, um den sozialistischen Weg zu verteidigen. Dies alles macht den Wert dieser Veröffentlichung aus. Die Sprache, die Bilak benutzt, wirkt dabei jedoch aus heutiger Sicht manchmal sehr befremdlich.

Leider analysiert Bilak die Ereignisse, die er genau schildert, nicht weiter. Beispielsweise war er offenbar nach der Wahl Dubceks zum Ersten Sekretär des Zentralkomitees der KPTsch Anfang Januar 1968 irritiert über den aufbrechenden slowakischen und tschechischen Nationalismus. Doch er beschreibt seine eigenen politischen Überlegungen nur sehr bruchstückhaft. Er berichtet über die Aktionen Dubceks, Smrkovskıs u. a., benennt aber die realen politischen und ökonomischen Ursachen der Entwicklung im Land nicht. Auch die wirkenden politischen Kräfte werden in diesen Erinnerungen nur unzureichend analysiert. Eine Differenzierung findet kaum statt. Die Einflüsse und Aktionen westlicher Politiker, Medien und Geheimdienste werden benannt, aber dies wird durch ihn nur ungenügend dokumentiert. Auch das ist ein Manko des Buches.

Wer jedoch nicht überzeugt ist, dass es damals diese westlichen Einflüsse gab, die wesentlich die Entwicklung in der CSSR beeinflussten, dem sei empfohlen in die Archive zu gehen und sich allein nur die Veröffentlichungen der großen westlichen Nachrichtenagenturen, der FAZ, der Welt u. a. aus jener Zeit anzusehen. Dies könnte sehr ernüchternd auf alle wirken, die noch heute meinen, damals wäre es nur um die Erneuerung, "Demokratisierung" des Sozialismus gegangen. Mit nur einem "bisschen" Einmischung des Westens.

Eine letzte Bemerkung sei gestattet: Alle, die die Jahre 1989/90 erlebt haben sowie die Entwicklungen in der UdSSR in den Jahren zuvor, sollten sehr aufmerksam lesen. Manches aus den Ereignissen in der CSSR im Jahre 1968 erinnert an Vorgänge in der Sowjetunion der zweiten Hälfte der 80er Jahre, anderes an Vorgänge, wie sie in der politischen Landschaft der DDR und in der SED im Jahr 1989 abliefen. Mit einem anderen Ergebnis als 1968. Auch Konterrevolutionen haben - unabhängig von den Bedingungen, die sie befördern - ihre Strukturen und Abläufe ...

Vasil Bilak: Wir riefen Moskau zur Hilfe. Der "Prager Frühling" aus Sicht eines Beteiligten. Herausgegeben und übersetzt von Klaus Kukut. edition ost. Berlin 2006. ISBN-10: 3-360-01076-0, ISBN-13: 978-3-360-01076-6

Nina Hager
Unsere Zeit vom 29.09.06


zurück