Selbst im Kugelregen überlegen

Die erste Biographie des Kommunisten Gerhart Eisler (1887-1968)

Der vom Biographen oder seinem Verlag etwas salopp als "Ulbrichts Rundfunkmann" titulierte Gerhart Eisler, Bruder des Komponisten Hanns Eisler und der politischen Aktivistin Ruth Fischer, war ein Spitzenjournalist der KPD und später der SED, ein unermüdlicher Streiter für die Sache und ein "cleverer Agent der Komintern". Er gehörte zu den Persönlichkeiten, die ihrer Zeit ihren Stempel aufdrücken. Sein Grab befindet sich auf dem "Friedhof der Sozialisten" in Berlin-Friedrichsfelde.

Ronald Friedmann, Autor der im vergangenen Jahr erschienenen Biographie des "Atomspions" Klaus Fuchs, hat nun die erste Lebensbeschreibung dieses ungewöhnlichen Mannes, der oft genug "im Schatten" bleiben musste, vorgelegt.


Ronald Friedmann: Ulbrichts Rundfunkmann. Eine Gerhart-Eisler-Biographie. edition ost, Berlin 2007, Br., 285 S., EUR 14,90


Gerhart Eisler war der jüngere Sohn des jüdischen Philosophieprofessors Rudolf Eisler und der Arbeitertochter Ida Maria Fischer. In Leipzig geboren, wuchs er in Wien auf und engagierte sich mit seinen Geschwistern in der Jugendkulturbewegung, bevor er gleich nach dem Abitur im Ersten Weltkrieg an die Front geschickt wurde.

Nach seiner Rückkehr schloss er sich Ende 1918 der von seiner Schwester mitgegründeten Kommunistischen Partei Deutschösterreichs (KPDÖ) an und wurde Redakteur der Wochenzeitung "Der Rote Soldat", Chefredakteur der theoretischen Zeitschrift "Der Kommunismus" und ständiger Autor der Parteizeitung "Die Rote Fahne".

1921 ging er mit seiner ersten Frau, der Schauspielerin Hede Tune, nach Berlin, wo er als Redakteur der "Roten Fahne" und Chefredakteur der KPD-Zeitschrift "Internationale" angestellt wurde und zugleich als Oberbezirksleiter der Partei für die mitteldeutschen Bezirke amtierte.

Nach dem tragischen "deutschen Oktober" 1923 aus seinen politischen Funktionen und der hauptamtlichen Parteiarbeit entlassen, begann er sich als Informant für die sowjetische Botschaft zu betätigen.

1928 wurde er als Kritiker Ernst Thälmanns, als so genannter "Versöhnler", nach Moskau abkommandiert und als Komintern-Funktionär zunächst nach China, danach Mitte der 30er Jahre in die USA geschickt, wo er die Kommunistische Partei beriet.

1936 bis 1939 leitete er den illegalen "Deutschen Freiheitssender" 29,8 und gehörte anschließend der Auslandsleitung der KPD in Frankreich an. 1939 wurde er in Frankreich interniert und verbrachte bis 1941 im Lager Le Vernet.

Die geplante Emigration nach Mexiko endete gezwungenermaßen in den USA, wo Eisler die antifaschistische Zeitschrift "The German American" gründete und leitete und unter dem Pseudonym "Hans Berger" für die Parteipresse schrieb.

Seit seiner Einreise vom FBI überwacht, wurde er nach Kriegsende vor das HUAC, das Komitee für unamerikanisches Verhalten, geladen, wegen Missachtung des Parlaments zu einem Jahr Gefängnis verurteilt und im Juli 1947 "wegen Verschwörung gegen die Regierung" und Passvergehens angeklagt.

Ruth Fischer bezeichnete ihren Bruder gegenüber dem FBI "als Chef eines Netzwerks von Agenten der russischen Geheimen Staatspolizei", aufgrund solcher und ähnlicher Denunziationen galt er nun als "Boss der Roten" in den USA.

1949 gelang ihm schließlich auf einem polnischen Schiff die Flucht nach Europa. Im Osten Deutschlands wurde er bereits freudig erwartet, in den Parteivorstand der SED gewählt und mit der Leitung des Amts für Information beauftragt, das unter anderem die Verfassung der DDR erarbeitete.

1952 verstärkten sich vor allem in Moskau Befürchtungen, Eisler sei von den Amerikanern angeworben und seine Verfolgung durch das FBI nur inszeniert worden.

Er wurde nicht ins ZK wiedergewählt und verbrachte nach der Auflösung des Amts für Information zwei Jahre als freier Journalist, bevor er 1956 als stellvertretender Vorsitzender des Staatlichen Rundfunkkomitees der DDR berufen wurde, dessen Vorsitz er 1962 übernahm. In dieser Funktion war er Berater und Vertrauter Walter Ulbrichts.

Eisler starb hochgeachtet und -dekoriert im Frühjahr 1968 während einer Dienstreise (ausgerechnet) in Jerewan.

Da sein Leben aufs engste mit der Geschichte der Kommunisten im 20. Jahrhundert verbunden war, leuchtet es ein, dass seine Biographie als Geschichtsbuch konzipiert ist, das Geschichte am Beispiel eines hervorragenden Kommunisten schildert. Sie hebt sich damit von heute üblichen Publikationen wohltuend ab.

Freilich kann auch die über Einzelschicksale hinausgehende, verallgemeinernde Darstellung von Geschichte trotz ihrer vermeintlichen Objektivität nicht unhinterfragt hingenommen werden.

In den vergangenen Jahren hat es eine Reihe von Publikationen zur Geschichte der KPD gegeben, die auch in Biographien u. a. von Karl Radek, Ernst Thälmann (Wittorf-Affäre) und Clara Zetkin behandelt wurde. Sie erscheint dabei im Wesentlichen als eine Geschichte von Irrtümern, Fehlern und sogar Vergehen, von unsinnigen Auseinandersetzungen um "Links-" und "Rechtsabweichler". Nicht nur, dass die kaum variierte Wiederholung und Interpretation der Vorgänge ermüdet, die Rolle der KPD als einer Massenpartei mit großem Einfluss auf die bedeutendsten Intellektuellen der Zeit bleibt unverständlich.

Die unkritische Auswertung antikommunistischer Publikationen wie denen von Hermann Weber führt zu bedenklichen Urteilen. So kommt Friedmann z. B. zu dem Schluss, die KPD habe bei den Reichspräsidentenwahlen 1925 durch ihr Votum für Thälmann in der Stichwahl zwischen Hindenburg und Marx "indirekt (...) die Wahl Hindenburgs" befördert, was ja wohl heißt, die Kommunisten hätten den Zentrumspolitiker wählen sollen.

Der Autor konnte sich bei seiner Arbeit nur auf verhältnismäßig wenig spezifisches Material stützen, da der Nachlass von Eisler im SAPMO (Bundesarchiv) nur wenige persönliche Papiere enthält, große Teile seiner FBI-Akten bis heute gesperrt und auch in Moskau noch nicht alle ihn betreffenden Unterlagen zugänglich sind. Unklar ist außerdem der Verbleib des Nachlasses der im Jahr 2000 verstorbenen dritten Frau Eislers, Hilde Eisler, 1956 bis 1979 Chefredakteurin der beliebten DDR-Kultur- und Unterhaltungszeitschrift "Das Magazin".

Der Biograph stand vor der schwierigen Aufgabe, "ein wirkliches Bild des Menschen Gerhart Eisler zu zeichnen", obwohl er ihn persönlich nicht gekannt hat und obwohl es nicht viele autobiographische Zeugnisse gibt. Der britische Historiker Eric Hobsbawm bemerkte über Eisler, er hätte sich niemals offenbart: "Seine Generation schwieg sich aus." Und das mit gutem Grund, da sie einen großen Teil ihres Lebens in Lagern, Gefängnissen und auf der Flucht verbracht hatte, oft illegal, mit falschen Papieren und unter Decknamen agierte und später mit dem Misstrauen der eigenen Genossen konfrontiert war.

Der Autor bezeichnet Gespräche mit Zeitzeugen als eine wichtige Quelle für den Historiker. Es gibt nicht mehr viele, die Eisler noch näher gekannt haben. Um so erstaunlicher, dass Friedmann die in Berlin lebende Übersetzerin Lore Krüger nicht befragt hat, die immerhin mit Eisler zusammen auf demselben Frachtschiff Frankreich verließ und später seine Mitarbeiterin an der Zeitschrift "The German American" wurde, deren Geschäftsführung ihr Mann Ernst Krüger innehatte.

Eisler, bekannt von Fotos der 50er und 60er Jahre als kleiner, kahlköpfiger, humorvoll aussehender Mann mit großer Brille, muss eine faszinierende Persönlichkeit gewesen sein – intelligent, eloquent, dabei nicht überheblich, sondern hilfsbereit und beliebt. Selbst seine erste Ehefrau Hede Massing, geborene Tune, die wie seine Schwester zur Antikommunistin wurde und beim FBI gegen ihn aussagte, schrieb noch in ihren Erinnerungen voller Bewunderung und Respekt über ihn, dass er "ein begabter und hoffnungsvoller Schriftsteller" und sie "immer von neuem beeindruckt von seinem Witz, seiner brillanten und charmanten Wesensart" gewesen sei.

Seinerseits leugnete er später, mit ihr verheiratet gewesen zu sein. Mit ihrer jüngeren Schwester, seiner zweiten Frau, hatte er sein einziges Kind, eine Tochter, die 1931 in Moskau geboren wurde, dann nach Schweden gelangte, und über deren weiteres Schicksal nichts bekannt ist.

Es spricht einiges dafür, dass Eisler auch während des Exils Kontakt zu sowjetischen Stellen hatte und in ihrem Auftrag handelte, dass also der Verdacht des FBI gegen ihn durchaus begründet war. Um so weniger verständlich – nicht zuletzt aufgrund fehlender Unterlagen – erscheint das spätere Misstrauen von sowjetischer Seite, die Anfang der 50er Jahre sogar auf einen Prozess gegen ihn gedrängt haben soll.

Im Anhang des vorliegenden Buches ist das Protokoll des ersten Verhörs von Gerhart Eisler vor dem HUAC abgedruckt. Sein Auftritt könnte bis heute beispielhaft für den Umgang mit gegnerischen Behörden sein.

Vor seiner Vereidigung wollte er eine Erklärung abgeben, woran die ermittelnden Beamten natürlich kein Interesse hatten. Als der Leiter der Vernehmung ihm nach einigem Hin und Her erklärte, er müsse zunächst vereidigt werden, antwortete Eisler eiskalt: "Da sind Sie im Irrtum. Ich muss gar nichts. Ein politischer Gefangener muss überhaupt nichts tun."

Frappierend sind auch die von Friedmann ausfindig gemachten Unterlagen aus dem Kriegsarchiv des Österreichischen Staatsarchivs, so genannte Offiziersbelohnungsanträge, aus denen hervorgeht, dass der bei seiner Einberufung erst 18-jährige Eisler, erklärter Kriegsgegner, im Ersten Weltkrieg als k.u.k. Offizier an der Isonzo-Front den jugendlichen Helden gegeben hatte und "als sehr tapferer, energischer, selbst im Kugelregen überlegener Zugkommandant" mehrmals, unter anderem mit der Tapferkeitsmedaille und dem Militärverdienstkreuz, ausgezeichnet worden war. Eine Tatsache, die Eisler in seinen späteren Lebensläufen tunlichst verschwieg – aber eine vom Kriegsminister persönlich unterzeichnete Urkunde bewahrte er sein ganzes bewegtes Leben hindurch auf.

Die Biographie, in 23 Kapitel übersichtlich gegliedert, ist gut lesbar. Die Anmerkungen sind, sicherlich aus Platzgründen, knapp gehalten. Sie erlauben nicht immer einen Rückschluss darauf, welche Nachforschungen der Autor angestellt bzw. welche Zeit und Mühe er darauf verwendet hat.

Eine verdienstvolle Arbeit, die empfohlen werden kann – ein spannendes Buch über einen hochinteressanten Mann, auch wenn viele Fragen offen bleiben.

Cristina Fischer
Unsere Zeit vom 18.05.07


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