Gleichstellung in guten Händen

Homosexuelle in der DDR

Viele der ursprünglich aus dem Osten stammenden und heute aktiven homosexuellen Funktionäre gerieren sich nur allzu gern als Opfer des sozialistischen Systems der DDR. Dabei wird die gezielte staatliche Repression gegen Lesben und Schwule ebenso herbeifabuliert, wie eine nahezu flächendeckende Überwachung Homosexueller durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Dass all das ausgemachter Quatsch ist, bedarf keiner besonderer Erwähnung.

Im Gegensatz zu der vorherrschenden bundesdeutschen Normalität, in der sich ein jeder zum Stasi-Opfer verklären darf und in der Datensätze über Anderslebende und -liebende bei diversen staatlichen Stellen gespeichert werden, bietet das in der Bibliothek Rosa Winkel erschienene Buch "Homosexualität in der DDR - Materialien und Meinungen" einen guten Überblick über die tatsächliche Lebenssituation von Schwulen und Lesben in der ersten Deutschen Demokratischen Republik.

"Das Buch strebt weder Repräsentanz noch eine irgendwie geartete Vollständigkeit an", so Herausgeber Wolfram Setz im Vorwort. Jedoch würden einzelne Stimmen zu Wort kommen, die gesellschaftspolitische Vorstellungen dokumentieren, die in aktuellen sexualpolitischen Diskussionen kaum noch zu vernehmen seien und von einer "gleichmacherischen ,Bürgerrechtspolitik´ vielleicht sogar als störend empfunden" würden.

Den Einstieg in das viel zu wenig beleuchtete Leben Homosexueller in der DDR bietet indes ein Beitrag von Bert Thinius, der die Erfahrungen und den Alltag der damals dort lebenden schwulen Männer beleuchtet. Ihm folgen Texte unter anderem von Olaf Brühl, Peter Rausch und Michael Sollorz.

Denjenigen, die sich über die Arbeit des MfS ein authentisches eigenes Bild machen und sich eben nicht auf die Stimmungsmache und Hetze selbsternannter westdeutscher Demokraten verlassen wollen, sei das Interview empfohlen, das der Publizist Eike Stedefeldt mit Wolfgang Schmidt führte und das ein herausragendes zeitgeschichtliches Dokument darstellt. Schmidt leitete ab 1986 die Auswertungs- und Kontrollgruppe der Hauptabteilung XX, die unter anderem zuständig für die Überwachung der inneren Opposition war. Zuletzt im Rang eines Oberleutnants, nahm er maßgeblich Einfluss auf die Homosexuellenpolitik der damaligen DDR. "Keinesfalls ging es dem MfS um eine Bekämpfung Homosexueller oder ihrer berechtigten Interessen, sondern um das Potential für anders geartete politische Ambitionen mit dem Ziel der Veränderung der innenpolitischen Verhältnisse", konstatiert Schmidt in dem Interview und straft damit all diejenigen Lügen, die auch heutzutage noch immer vorsätzlich das Gegenteil davon propagieren. Auf einer Reihe von Gebieten sei die DDR für die heutige BRD vorbildlich gewesen. Insbesondere, was die rechtlichen Regelungen betraf, stellt Schmidt in dem Gespräch zudem fest, und kommt zu dem Schluss, dass "die Chancen für die Gleichstellung Homosexueller am Ende in der DDR in besseren Händen gewesen wäre. Dem ist nichts hinzuzufügen.

"Homosexualität in der DDR - Materialien und Meinungen", Bibliothek Rosa Winkel, Männerschwarmverlag Hamburg, 2006, 290 Seiten, 14 Euro.

Markus Bernhardt
Unsere Zeit vom 03.10.2008


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