Die »bösen« Spione

Dreißig ehemalige Spitzenspione oder Kundschafter der DDR im Westen schrieben auf, was sie ausgekundschaftet haben, warum sie es taten, wie sie heute darüber denken. Sie schrieben über ihre Gefühle, ihre Erfolge und Niederlagen, ihre lange Zeit in den Gefängnissen der Bundesrepublik, nachdem sie enttarnt oder verraten und die Spione der Gegenseite gefeiert und hochbezahlt worden waren.

Eine vergleichbare Publikation gibt es bisher nach aller Wahrscheinlichkeit nicht auf der Welt. Dennoch ist diese Veröffentlichung längst nicht nur für Geheimdienste interessant. Hier äußern sich Wissenschaftler; Journalisten, Lehrer, Arbeiter, Politiker, Diplomaten und Mitarbeiter bundesdeutscher Geheimdienste, warum sie sich freiwillig, nach gründlicher Überlegung, entschieden, für den Geheimdienst der DDR zu arbeiten. Das hat nichts mit James Bond zu tun, ist spannender als manche Krimis und öffnet den Blick für die Welt in der heute von Rüstungsprojekten, »präventiven« Kriegen, weltweiten Interventionsstreitkräften nicht nur die Rede ist. Einer der 30 Topspione formulierte seine Motive, gültig wohl für sie alle, so: »Eine den Frieden gefährdende Politik durfte und darf nie ohne Widerspruch bleiben.«

Zu denen, die sich hier äußern, gehören Ulrich Steinmann, der 13 Jahre in der Rüstungsabteilung des Bundesverteidigungsministeriums arbeitete, Rainer Rupp, der als »Topas« im NATO-Hauptquartier in Brüssel tätig war, Karl Gebauer, Sicherheitsbeauftragter von IBM Wilhelmshaven, Klaus von Raussendorf, Botschaftsrat im Auswärtigen Amt, Alfred Spuhler, Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes, Klaus Kuron, zuständig für die Arbeit mit Doppelagenten beim Bundesamt für Verfassungsschutz, um nur einige zu nennen. Der Leser erfährt u. a., wie es in den Gefängnissen dieses gepriesenen Rechtsstaates zugehen kann, was Isolationshaft bedeutet, weshalb sie mit Folter gleichzusetzen ist. Er erfährt auch von über 3.000 Ermittlungsverfahren, die gegen Bürger der Bundesrepublik eingeleitet, von 400 Anklagen, die erhoben und 250 Freiheitsstrafen, die verhängt wurden. Darunter sind Einzelstrafen von über zehn Jahren Gefängnis.

Zwei Generale des DDR-Geheimdienstes, Markus Wolf und Werner Großmann, erklären im Vorwort, die Ungleichbehandlung von »guten« Spionen westlicher Geheimdienste und »bösen« der DDR widerspreche »anerkannter internationaler Praxis«. Doch immer noch dient der DDR-Geheimdienst in den Medien von Springer bis zur FAZ als Schreckgespenst für brave Bürger. Längst hat sich die von manchem gepflegte Hoffnung, auch die Alt-Bundesrepublik würde auf ihre Geheimdienste verzichten, als Seifenblase mit begrenzter Lebensdauer erwiesen. Wie eh und je sieht der Verfassungsschutz im Observieren von Antifaschisten eine Herzenssache, während der Bundesnachrichtendienst nun auch wie die Bundeswehr weltweit agieren soll. Da kann man schon das Gruseln lernen

R. Specht
antifa, Ausgabe Dez. 2003/Jan. 2004


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