Herzliche Grüße Frieden war machbar, Herr und Frau Nachbar: In Bonn erzählten Mitarbeiter der HVA, warum sie für die DDR arbeiteten
Selten erlebte ich eine Stadt mit derart vielen zertretenen Kaugummis auf dem Trottoir; die Bürgersteige der Innenstadt sehen aus, als hätten sie alle Masern. Ansonsten scheint Bonn mittlerweile im Osten zu liegen, zumindest stehen wie in den meisten Ex-DDR-Städten viele Geschäfte und Restaurants leer.
In diesem bizarren Bonn also diskutierten in einem Hörsaal der Friedrich-Wilhelm-Universität am Donnerstag abend etwa 120 Interessenten mit einstigen Mitarbeitern der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) des MfS. Neugierige Bildungsbürger reiferen Alters, eingefleischte Antikommunisten und unvoreingenommene Jugendliche wollten offenkundig hören, was Menschen wie Gabriele Gast, Dieter Popp oder Wolfgang Hartmann irgendwann veranlaßt hatte, für die DDR zu spionieren.
Das dämliche Stereotyp vom guten demokratischen Westspion und vom Spitzel eines Unrechtsstaates ist noch immer sehr lebendig, wie an den vorgetragenen Erklärungen und Fragen zu erkennen war. Gabriele Gast, 1973 im BND Regierungsdirektorin geworden und Mitarbeiterin der HVA seit 1968, machte in Kenntnis beider Dienste souverän klar, daß sich deren Aufgaben nicht sehr unterschieden: Es ging stets darum, die Gegenseite vollständig aufzuklären, um der Politik ein realistisches Lagebild zu vermitteln. Damit sollte verhindert werden, daß auf der eigenen Seite die Illusion militärischer Überlegenheit entstünde, was eventuell aus dem Kalten Krieg einen heißen gemacht hätte. Insofern muß den Spionen beider Seiten bis 1990 zugestanden werden, friedenserhaltend gewirkt zu haben.
Das nahm Dieter Popp zum Anlaß, auf die Ungleichbehandlung der Spione aus Ost und West nach dem Ende der DDR hinzuweisen. Popp, der seit 1969 in Bonn lebt, war Resident der Verwaltung Aufklärung der Nationalen Volksarmee (NVA) und führte zwei Jahrzehnte eine Spitzenquelle im Verteidigungsministerium. Er war dafür 1991 zu sechs Jahren Haft verurteilt worden. Die in der DDR verurteilten Westspione wurden 1990 von der Modrow-Regierung auf freien Fuß gesetzt und dann für ihren Friedenskampf im Westen hoch dekoriert. Die Ostspione hingegen kamen vor den westdeutschen Kadi: Es wurden über 3 000 Ermittlungsverfahren eingeleitet, fast 400 Anklagen erhoben und 250 Freiheitsstrafen verhängt – mit insgesamt über 170 Jahren Haft.
Die Vorhaltung aus dem Publikum, das wäre keine Ungleichbehandlung, schließlich habe man für eine »fremde Macht« spioniert, konnte Wolfgang Hartmann leicht als politische Propaganda »enttarnen«. Für die offizielle Bundesrepublik sei die DDR bis 1989 nie Ausland gewesen, sagte der hauptamtliche HVA-Mann, der in Bonn einen hohen Beamten im Auswärtigen Amt unter fremder Flagge geführt hatte. Und Gast ergänzte: Wenn sie damals in die DDR gefahren sei, war das für sie immer noch Deutschland. Insofern wollte sie sich als deutsche Patriotin verstanden wissen, die mit ihrer Arbeit geholfen habe, einen Krieg von deutschem Boden aus zu verhindern.
Die herrschende Klasse und die Justiz sahen (und sehen) das anders: Im Dezember 1991 wurde Gast zu sechs Jahren und neun Monaten verurteilt. Gotthold Schramm, seit 1954 bei der HVA, zuletzt Oberst und aktuell Herausgeber des Sammelbandes »Kundschafter im Westen« erinnerte in diesem Kontext daran, daß diese gegen das Grundgesetz verstoßende Verfolgung letztlich aufs Konto der SPD geht. Die CDU/CSU/FDP-Regierungskoalition hatte am 2. September 1990 im Bundestag einen Gesetzentwurf eingebracht, der eine strafrechtliche Verfolgung inoffizieller und offizieller Mitarbeiter des Auslandsnachrichtendienstes der DDR außer Kraft setzen sollte. Das Gesetz scheiterte im Bundesrat an der SPD-Mehrheit.
Nach der lebhaften, kontroversen Debatte im Hörsaal des Englischen Seminars kam ein älteres Ehepaar nach vorn und erkundigte sich, ob denn Sonja Lüneburg, die wohl im richtigen Leben Johanna Olbrich heiße, noch lebe. Und falls ja, so sollten herzliche Grüße ausgerichtet werden. Man habe seinerzeit gemeinsam in der FDP-Zentrale gut zusammengearbeitet, wenngleich man damals nicht gewußt hätte, daß die sympathische Sekretärin von Martin Bangemann auch für die DDR tätig war.
Klaus Eichner/Gotthold Schramm: Kundschafter im Westen – Spitzenquellen der DDR-Aufklärung erinnern sich. edition ost, Berlin 2003, 382 S., 17,50 Euro
Robert Allertz
junge welt vom 15.12.2003