Aufklärung über "Aufklärung"

Kundschafter im Westen - Buchbesprechung

"Den Auslandsagentenkrieg hatten Wolfs Mannen
eindeutig für sich entschieden, auch wenn Mielkes
Schnüffler im eigenen Land ihn gründlich verspielten"
Klaus Kuron

"Kundschafter im Westen - warum Menschen in der BRD für die Aufklärung der DDR arbeiteten." Herausgeber und Vorwortautoren waren die Leiter bzw. hohe Offiziere im Ministerium für Staatssicherheit. Die über dreißig Autoren der Einzelbeiträge arbeiteten als Einzelkämpfer auf bundesdeutschem Boden aufklärend für die DDR.

"Allein gegen Bürger der Bundesrepublik wurden über 3 000 Ermittlungsverfahren eingeleitet, fast 400 Anklagen erhoben und 250 Freiheitsstrafen verhängt. Darunter drei Aufklärer mit je zwölf Jahren Freiheitsentzug, sechs bekamen zwischen neun und zwölf Jahren und 17 von ihnen erhielten Strafen zwischen fünf und acht Jahren. Auch in dieser schwierigen Situation zeigten die Kundschafter menschliche Größe. Sie verdienen unsere uneingeschränkte Hochachtung." (Aus dem Nachwort Prof. Siegfried Melchers, Vorsitzender der GRH) Aber der Blitz soll sie treffen die Verräter.

Namen werden genannt: Lehmann, Stiller und Karl Christoph Großmann. Doch warum Hochachtung für so hart Bestrafte? Es handelt sich um Frauen und Männer, die "kommunistisch, anti-imperialistisch bis zu einer Haltung, die man als moralische Verpflichtung für bundesrepublikanische Verhältnisse bezeichnen kann" (Klaus von Raussendorff), die weder für Geld noch aus Abenteuerlust ihre Arbeit verrichteten. Studiert man die Texte, so findet man als Antriebe Verfolgung durch die Nazis und das Wiederaufleben der Nazitraditionen in der BRD: "Wenn die Schiffe Namen tragen wie Mölders, Rommel und Lütjens, die Kasernen benannt sind nach Lettow-Vorbeck, Hindenburg, von Waldersee, von Richthofen, nach dem Hitler-Intimus und General der Gebirgsjäger Dietl, dem General der Fallschirmjäger Kübler und anderen Durchhaltekriegern der Nazi-Wehrmacht, wenn Gebäude oder Traditionszimmer in Kasernen Ostpreußen, Pommern und Schlesien, Königsberg. Breslau oder Danzig heißen, dann waren das Bekenntnis und Programm, das die meisten Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere der Bundeswehr verinnerlichten." (Dieter Görsdorf, 348). Bei einigen spielte das eigene Kriegserlebnis (10, 35), bei vielen der Vietnam-Krieg des Serien-Aggressors (R. Rupp) eine Rolle (38, 103 f.). Entscheidend war für manche auch die 68er-Bewegung. Alfred Spuhler geht recht ausführlich solchen Motiven und deren Herausbildung bei den Autoren nach und verweist auch auf Unterlassungen, Fehler auf sozialistischer Seite (137 f.). Unter den Autoren befinden sich auch Bürger der USA, die durch Antirassismus und den Kampf gegen den Vietnam-Krieg motiviert wurden.

Besonders wichtig ist, was die Kundschafter herausfanden - einige wurden erst im Prozess dieses Herausfindens dazu geführt, sich zum Zwecke der Warnung vor den Plänen, an denen sie mitzuarbeiten hatten, sich an die DDR zu wenden (Karl Gebauer etwa). Der Beitrag "Tenne" belegt die Angriffsplanungen der Nato, Wintex (darüber ausführlich Rainer Rupp) desgleichen, auch, dass dabei an den Abwurf von Atombomben auf die DDR gedacht war (Dresden!, 85) - Rupp schrieb über dies und andere aggressiven Aktivitäten an den "Herrn" Fischer (Vorname im Rotwelsch: Joschka). Es wird berichtet, wie im Zusammenhang mit dem Kampfpanzer Leopard II und dem Marder dem Bundestag falsche Finanzierungen mitgeteilt und die Vorhaben in solche defensiven Charakters umgefälscht werden konnten (Verteidigungsminister der Sozialdemokrat Leber!). Geradezu alarmierend, das Ergebnis von Harald Gottfried und Johannes Koppe: Die Bundesrepublik war (und ist noch heute) fähig, binnen Stunden (!) eigene Atomwaffen herzustellen. (S. 158, 163, 167!). Und dass alle Bedingungen dafür existieren, auch unser Land einem Militär-Industrie-Komplex, also der Unterordnung der Politik unter die Bedürfnisse des Militarismus und der Rüstungsindustrie zu unterwerfen (29 f.).

Und dies alles, obwohl die Nato und die Bundesregierung wusste, dass es keine Angriffsgefahr aus dem Osten gab (Strauß, 125 f.), ja dass waffentechnisch die Nato zu jedem Zeitpunkt der SU und ihren Verbündeten überlegen war.

Solche Erkenntnisse waren möglich, weil die Aufklärerinnen und Aufklärer teilweise mit am Tisch der Herren saßen und sich nicht mit den davon herabfallenden Brosamen zufrieden geben mussten: Frau "Lüdemann". (Ich erinnere mich noch der bundesdeutschen Aufregung und Forscherei, als sie, die rechte Hand des FDP-Generalsekretärs und hohen Brüsseler Beamten Bangemann, plötzlich nicht mehr da war!) Rainer Rupp im Zentrum des Nato-Hauptquartiers. Über Günter Guillaume braucht man hier nicht zu sprechen.

Diese Erkenntnisse erklären aber auch, warum es von der Gegenseite keine diesem Buch vergleichbare Veröffentlichung geben kann: "Wann immer man ... über die Aufklärung und die Aufklärer der DDR spricht, sollte man immer die Hauptsache nicht vergessen: den Staat DDR, in dem zum ersten Mal in Deutschland nicht Grundbesitzer und Konzernchefs das Sagen hatten, sondern Menschen, die gegen Faschismus und Kapitalismus gekämpft und für Frieden und Völkerverständigung eintraten." (Raussendorff, 86) So etwas hat die Gegenseite nicht anzubieten, und dass deren gegen die DDR und die SU eingesetzte Spione etwa schreiben könnten, wofür sie wirklich gearbeitet haben, für die Vorbereitung eines atomaren Infernos, das kann man doch von ihnen nicht erwarten.

Es gibt im Buch interessante Vater-und-Sohn-Geschichten. Ich habe den General Bamler, dessen Sohn zu den Aufklärern gehört, noch persönlich erlebt. Er, der, aus dem Apparat Canaris kommend, zum Hitler-Gegner wurde und dessen Frau in Dachau umkam. Auch Dieter Feuerstein wurde durch seinen Vater auf jenen Weg gebracht, über den er im Buch berichtet (Vater und Mutter hatten ihren großen Beitrag zur sowjetischen Weltraumfahrt geleistet, der Sohn unter anderem wesentliche Informationen zum Leopard II und zum Tornado beschaffen können). Wobei es erst im Verlauf dieser Arbeit bekannt wurde, dass da auch ein gewisser Ernst Bloch - indirekt - mitgewirkt hat: Er wusste nicht, dass unter seinen Philosophie-Studenten in Leipzig der eigene (uneheliche) Sohn saß, wie dieser nicht ahnte, dass er von seinem Vater Philosophie "lernte" - das Leben schreibt die tollsten Geschichten.

Es wird die jahrelange Isolationsfolter geschildert (Gabriele Gast). Zelle, vier Meter lang, 1,30 Meter breit. Ist das Klappbett heruntergeklappt, kann man zwischen Bett und Wand nur entlangschieben. Kleiner Holztisch und Schemel, in der Ecke ein Gestell, darunter der übliche Kübel, drauf eine Schüssel, daneben ein Wasserkrug. Zwei Mal täglich Leeren des Kübels, Füllen des Krugs. Halbe Stunde Hofgang, bewacht, aber ohne Kontakt zu Mitgefangenen. Jahrelang. Dies durchzustehen erfordert mehr als gutes Gewissen und richtige Überzeugung. Auch starke Nerven und die kann man sich ja nicht aussuchen. Auch Rainer Rupp schildert seinen Kampf gegen die Schikanen des sozialdemokratischen Saarbrücker Gefängnisdirektors. Es gibt jedoch auch Dinge, die wären geeignet für einen Autoren vom Schlage Molières: Da schreibt Gabriele Gast aus dem Zentrum des bundesdeutschen Geheimdienstes, dem BND in Pullach, jene Berichte über Vorgänge in sozialistischen Staaten, die dem Kohl und Leuten ähnlichen Kalibers auf den Tisch gelegt wurden - und die Texte waren "unter Führung" des DDR-Auslandsgeheimdienstes geschrieben worden!

Über "Quellenschutz" wird berichtet und welche Zufälle dabei ins Spiel kommen können: Eine vergessene Widmung von Hermann Kant in einem Buch, die in der Taxe vergessene Handtasche, das zufällige Treffen eines Bekannten auf einem Bahnhof, dem man weis machen muss, dass man gar nicht jener sei, für den dieser einen halte usw. Oder auch über vorhandene Loyalitätskonflikte. Denn es war gar nicht so, dass man jene, an deren Seite man im Dienst stand, nur als verachtenswerte Persönlichkeit kennen lernte. Guillaume hatte schon seine Probleme, sein Verhältnis mit Willy Brandt betreffend, oder Herbert Willner (299 f.), der einige FDP-Leute nennt, für die er durchaus Sympathie empfand: Karl Hermann Flach, Frau Hamm-Brücher, Walter Scheel, William Borm und andere. Und wie es ihn empörte, wenn er bei Empfängen - als "FDP-Funktionär" - sowjetische Vertreter verächtlich über die DDR sprechen hörte (325); erhellend ist, wie sich die Einstellung zu Gorbatschow entwickelte (31, 400). Auch die "UZ" und ihr Pressefest und überhaupt die DKP kommen einige Male vor. Es wird über viele Beispiele und Formen der Solidarität berichtet.

Alle Beteiligten waren sich ihrer Gefährdung bewusst. Sie haben ihre Überzeugung nicht preisgegeben und treten jetzt in aller Öffentlichkeit und ohne jegliche Tarnung auf. An wenigen Stellen freilich muss der eine oder andere auch heute noch Verschwiegenheit bewahren - wahrscheinlich, weil ihm sonst erneute Verfolgung drohte - und das weist dann darauf hin, dass die Dinge teilweise wohl noch dramatischer waren, als das, was die "Kundschafter im Westen" heute öffentlich preisgeben können.

Robert Steigerwald
Unsere Zeit vom 10.10.03


Kundschafter im Westen. Warum Menschen in der BRD für die Aufklärung der DDR arbeiteten, Hrsg. Klaus Eichner/Gotthold Schramm, mit einem Vorwort von Markus Wolf und Werner Großmann, Verlag Das Neue Berlin, 384 Seiten, 17,50 Euro


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